Tag Archives: Tiere

Zoologischer Garten Berlin – 10 Stopps für offene Ohren

20 Jul

1. Eingang Zoologischer Garten: Schnelle Schritte aus der U-Bahnstation hinaus. Schock. Presslufthammer links, Hupen rechts, quietschende Autoreifen hinten, Baustellenlärm überall, Gebrüll, Fahrradklingeln, Gesprächsfetzen. Ich – in einer Wolke aus Ohrenstress, orientierungslos. Kasse? Rauschen im Kopf. Und plötzlich ganz leise vibrierendes Brummen, tiefes Grollen, rhythmisch, archaisch und anziehend. Ich drehe mich um: ein schmaler Glatzkopf, halb nackt, völlig versunken, ein einsamer Kämpfer. Bläst mit seinem Didgeridoo Berlin weg.

kamel

2. Kamelgehege: Sommerstille. Leichter Wind rauscht durch die Baumkronen, warm, sehr warm. Blingbling – schwere Lider fallen nach unten und ziehen sich wieder hinauf. Der Kopf dreht sich. Arroganter Blick. Die Überheblichkeit des Wüstenbewohners bei Hitze. Leise mahlende Geräusche. Der Schwanz wischt durch die Luft, Fliegen surren davon. Ändern der Beinstellung, Knirschen der Tritte auf Sand. Blöken von nebenan, tief und dunkel. Der Kopf dreht sich wieder weg. Blingbling.

3. Tierkinderzoo: Aufgeregtes Gekreische, Kichern, Babys kieksen entzückt, Gelache und Gegacker, wenn die rauen Zungen der Ziegenkitze Futter aus der Hand lecken. Bollerwagen eiern polternd über holprigen Untergrund. Flaschen zischen beim Öffnen, sprudelnd plätschert Wasser über. Schleifgeräusche, ein Bock zieht eine Bäckertüte aus einem Kinderwagen. Empörter Aufschrei: Vater schnappt Tüte, Papier reisst, Brötchen patscht in Sand, Bock meckert, Vater meckert, Mutter meckert, Kind quietscht und klatscht Applaus.

tierkinderzoo

4. Fütterung Orang-Utans: Das Mikro knackt und knistert. Knirschen gefolgt von dumpfem Poltern, als eine Wanne voller Früchte und Gemüse auf staubtrockenem Boden landet. In fünf träge Orang-Utans kommt Bewegung, lautloses Hangeln. Peitschendes Schlagen von Tauen gegen Metallstäbe, Halterungen klappern und klirren. Hell schnatternde Kinderstimmen verstummen angesichts der Waldmenschen. „Orang-Utans mögen im Sommer auch gern ein Eis“, sagt der Tierpfleger mit sanft säuselnder Stimme. Weiße, tropfende Blöcke aus gefrorenem Fencheltee verschwinden still in rotbraunen Mäulern, Obst und Gemüse hinterher. Kein Geräusch, nur manchmal leises Knacken und Krachen. Lautes Gelächter, als eine hakenförmige Hand artig eine Tomate zurückreicht und Banane verlangt. Zottelige Süßmäuler.

5. Eiswagen: Ein schwerer Hitzemantel, der jedes Geräusch dämpft. „Mama, Mama!“, Kinder betteln um Eis. Kleine Finger klopfen ungeduldig auf Plexiglas. Der Schiebedeckel rauscht auf, knallt gegen die Seitenwand, ein Hauch von Kühle. Ich auch, ich auch! „2 Euro, bitte.“ Münzen klappern gegen Holz. Verheißungsvolles Ratschen, als sich die Folie löst. Schmatzend schiebt sich die hellrot glitzernde Eisstange die Pappverpackung hoch. Leck, schleck, schlürf, aaah – Calippo Erdbeer. Kindheit auf der Zunge.

elefant

6. Elefantengehe: Sprinkleranlage, Zischen des Wasserstrahls am Gehegerand. Ein Elefant direkt am Graben, der Rüssel wird lang und länger. Das Wasser prasselt mal links, mal rechts ins Nasenloch. Es zischelt und rauscht unaufhörlich, die Luft vibriert und glitzert in Regenbogenfarben. Prustend spritzt sich der Graue das Wasser um den Kopf. Flappend fächeln die Ohren durch die Luft. Zuschauer johlen und kichern, Kameras surren und klicken ohne Unterlass. Der Feuerwehr-Elefant schnaubt gut gelaunt und macht wieder den Rüssel lang – vollsaugen, innehalten, abspritzen. Klick-klick.

7. Raubtierhaus: Tumult. Schreie und Gelächter, tratschnasse, tropfende Zoobesucher, die lautstark giggelnd ins Raubtierhaus flüchten. Draußen hämmert Regen auf aufgeheizten Asphalt. Quietschende Kinderwagen, Wühlen und Rascheln in Taschen, Tupperdosen knallen zu Boden, Plastikflaschen kollern unter Sitzbänke, Seufzen. Lärm und Radau überall. Meine Flucht, vorbei an Löwen und Geparden, die Fleisch von der Fütterung in Stücke reißen, Knochen krachen, Splittergeräusche, Zungen lecken schmatzend über Beutestücke. Hinten ein Jaguar, der durchs Gitter faucht und mir eine Kaskade erregter Geräusche entgegenspuckt: Hecheln, Röcheln, dumpfes Röhren. Tiefes Grollen eines gefangenen Jägers, das sich mit Donnern und Poltern des Gewitters von draußen mischt. Unheimlich. Weg hier.

8. Draußen: Eltern rotzgenervt und drohend: „Luca!“ Luca lacht und quiekt und springt juchzend zur Mitte einer riesigen Regenpfütze. Es platscht und spritzt, Passanten kichern, triefnasse Schuhe schmatzen und schnalzen bei jedem Schritt, letzte Regentropfen ploppen in die Pfütze. Luca klatscht mit den Händen auf die Wasseroberfläche – pures Glück.

Quallen

9. Aquarium: Faszinierte Stille. Leises Flüstern aus der Ferne. Quallen, die elegant und lautlos durch mystisches Halbdunkel tanzen. Unterwassersound im Kopf: Rauschen, gedämpftes Fließen, Sonar…

10. Cafeteria: Theo. Sirenenartiger Auftakt neben meinem rechten Ohr. Verzweifelte Mutter, die Waffelstücke in Theo stopft. Theo atmet und hustet und spuckt und weint und greint und flennt und plärrt und heult und schluchzt und schreit und brüllt, Theo überall. Zweiter Versuch: Eine Fantaflasche sprudelt und zischelt beim Öffnen, Theo stockt, leises Wimmern, Nase hochziehen, gluckgluck. Zufriedene Stille. „Röstzwiebeln?“, fragt mich die Verkäuferin mit Hotdog auf der Hand. „Ja!“, sage ich noch halb betäubt. „Senf?“ – „Ja!“ – „Sauerkraut?! – „Ja!“. Münzen klimpern, Papier raschelt, beißen, schlucken. Sauerkraut – uäh!

Wunderkerzen weltweit – heute: Norderney

29 Okt

norderney

Achtung, Achtung, bitte betreten Sie diesen Rasen nicht mit Ihrer Robbe!

Mehr zu Norderney gibt es hier!

Die drei indischen Affen

7 Jul

Affe_Indien

Ich habe seit jeher ein gespaltenes Verhältnis zu Affen. Das hat sich in Indien bestätigt. Ich bin drei Affen begegnet, die mir, ich gestehe es, überlegen waren.

1. Ein Indischer Hutaffe in Periyar: Ich wunderte mich, warum das Café am Zugang des Nationalparks vergittert war. Nach unserer Tiger-Tour, auf der wir keinen einzigen Tiger gesehen hatten, kaufte ich mir eine Cola. Das Mädchen vor mir kaufte eine Tüte Chips. Kaum war es zur Gittertür hinaus, kam der Affe. Er ging auf das Mädchen zu, entriss ihm die Tüte und schwang sich auf eine Mauer. Leider war die Tüte schnell leer und der Affe noch hungrig. Also sprang er wieder hinunter, ging zu dem weinenden Kind und zerrte ihm den Rucksack von den Schultern. Der schockierte Vater ging dazwischen und erntete einen Hieb von dem Affen, dem plötzlich acht, neun Tiere zu Hilfe eilten. Während sie den Vater in Schach hielten, öffnete der Affe den Rucksack und zerrte eine Banane heraus. Dann guckte er mich an. Offenbar hatte er aber keine Lust auf Cola. Er warf den Rucksack weg und alle Tiere verschwanden.

Das Ganze geschah neben einem Schild mit dem Hinweis „Do not feed monkeys“. Von Füttern konnte keine Rede sein, selbst Mundraub erkannte ich nicht. Das war organisierte Kriminalität, ein Überfall der Affenmafia! Und ich wette darauf: Wenn demnächst einer dieser Affen einen Edding aus einem Rucksack angelt, dann schreibt er damit „Fickt euch!“ auf das Schild.

2. Ein Rhesus-Makake in Agra: Wir hatten das berühmte Taj Mahal besucht und liefen Richtung Agra-Stadt. Ich wollte meine leeren Wasserflaschen in eine Tonne werfen – man freut sich ja, wenn man zwischen all dem Müll auf den Straßen tatsächlich eine Tonne entdeckt. Jedenfalls ging ich auf das Ding zu, da kletterte der Makake auf den Deckel. Er guckte mich mit seinem rosa Gesicht herausfordernd an. Von dieser pubertären Provokation ließ ich mich nicht beeindrucken und kam näher. Schon ließ er einen schrillen Schrei los, zeigte beeindruckende Eckzähne und mir fiel auf, dass die Mülltonne einige Meter weiter viel hübscher war. Ich peilte daher diese an, da hüpfte das Rotgesicht schnurstracks von seiner Tonne hinunter und auf meine neue oben drauf. Und nicht nur das: Aus diversen Richtungen kamen seine Kumpels zusammen. Ich mach’s kurz: Ich habe gekuscht! Das Drecksvieh hat mich dazu gebracht, die leeren Flaschen wieder in meine Tasche zu packen und den Rückzug anzutreten.

Ich weiß, ich weiß: Affen sind ein großes Problem in indischen Städten. Da ihr Lebensraum schrumpft und der Mensch verlockenden Abfall produziert, ziehen sie als marodierende Banden durch die Straßen. Rhesus-Makaken sind berüchtigt dafür, picknickende Familien aus Parks wegzubeißen und ganze Wohnungen auf der Suche nach Essbarem zu verwüsten. Ich weiß natürlich auch, dass meine Rasse zu ihrer Rasse nicht nett war. Ich bin dennoch nachhaltig in meinem Stolz verletzt. Irgendwann werde ich nach Agra zurückkehren, bis an die Zähne bewaffnet, und meinen Müll in eine dieser Tonnen werfen.

3. Ein Hulman-Langur in Pushkar: Nachdem ich über den Markt spaziert war, machte ich eine Pause am See. Kaum saß ich auf der Treppe, kam ein Inder und überreichte mir eine Handvoll getrockneter Kichererbsen. Schwuppdiwupp sprang ein Hulman heran. Da meine bisherigen Erfahrungen mit Affen nicht von gegenseitiger Zuneigung zeugten, bombardierte ich das Tier mit sämtlichen Kichererbsen. Der Affe guckte verwirrt den Mann an, der Mann guckte verwirrt mich an, ich guckte verwirrt den Affen an. Der Mann reichte mir erneut einige Erbsen. Widerstrebend hielt ich dem Affen meine Hand hin. Er setzte sich vor mich, legte seinen beeindruckend langen Schwanz ordentlich neben sich ab und nahm sich höflich eine Kichererbse. Kauend betrachtete er das Treiben am See, dann klaubte er eine weitere Erbse von meiner Hand. Der Inder verabschiedete sich winkend und der Affe und ich verbrachten einige Minuten in stiller Zweisamkeit. Als die letzte Erbse verzehrt war, stand er auf, nickte mir höflich zu und sprang davon.

Hulmane gelten als Inkarnation des Gottes Hanuman und damit als heilige Tiere. Die Inder sind ja nicht erst seit Bollywood berühmt für große Geschichten. Im Nationalepos Ramayana wird erzählt, dass ein Dämon die Gattin von Königssohn Rama entführte. Der kluge Hanuman, General eines Affenheeres, befreite sie. Zur Strafe zündete der Dämon seinen Schwanz an. Hanuman überlebte, aber seitdem sind das Gesicht und die Hände schwarz gefärbt. Als Dank schenkte Rama ihm die Unsterblichkeit. Es gibt verschiedene Varianten des Epos‘. Wie auch immer: Ich überlege gerade, ob ich das mit der Rückkehr nach Agra bleiben lasse und lieber wieder nach Pushkar reise. Der Hulman und ich – ich glaube, das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

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