Tag Archives: Portugal

Suff weltweit: G wie…

4 Jun

Travel-and-Food-Blogs sind sehr in. Ich lese sie gern. Mit exotischem Essen und mir ist es aber so eine Sache. Mopane-Raupen in Namibia, gegrillte Heuschrecken in Thailand, Froschschenkel in Frankreich? Nein, danke! International gesehen ist das Trinken mehr mein Metier. Deswegen gibt es die Rubrik “Suff weltweit von A-Z” – wird natürlich fortlaufend erweitert.

G wie…

ginja

Ginjinha in Portugal: Lissabon, es regnet in Strömen. Meine Frisur hat sich mit meiner guten Laune davongemacht. In der Rua das Portas de Santo Antao kommen wir an einer dieser altertümlichen Bars vorbei, in denen sich die Hauptstädter gerne mal ein Gläschen Likör gönnen. Wir schlittern hinein und setzen sofort die halbe Bude unter Wasser. Die Bar ist vielleicht acht Quadratmeter groß, rund um den winzigen Tresen reiht sich Köstlichkeit an Köstlichkeit. Wir bestellen das Getränk des Hauses: Ginjinha, ein Sauerkirschlikör, der hier seit fünf Generationen ausgeschenkt wird. Ich nippe an dem tiefroten Getränk: Es schmeckt süß, stark, fruchtig und hat einen Hauch von Zimt. Meine Frisur bleibt verschollen, meine gute Laune ist zurück.

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G wie…

granatGranatapfelsaft in Israel: Ich liebe Granatäpfel. Für mich sind sie die erotische Vereinigung von biblischem Altertum und exotischer Kulinarik. Rede ich Schwachsinn? Ja, ich rede Schwachsinn. Aber sie sind einfach wunderschön und sehr lecker, diese widerspenstigen Dinger. An die roten Kerne rankommen, ohne dass danach die Küche tapeziert werden muss? Geht nicht. In Tel Aviv das Aha-Erlebnis: Überall in der Stadt gibt es diese knallbunten, prall mit Obst und Gemüse behängten Straßenstände, an denen man sich seine Säfte zusammenstellen kann. Und die Früchte schmecken so saulecker, tut mir leid, da kann kein deutscher Bahnhofsmischer mit.  An einem Stand die Entdeckung: eine Granatapfelsaftmaschine. Oben wirft der Mann die Granatäpfel rein, unten kommt der süße, rötliche Saft raus. Was zwischendrin passiert, muss eine blutige Schlacht sein, aber das ist mir schnuppe. Ich habe fleckenfreien, top gesunden Hochgenuss. Böse bin ich ja mit der Apotheken-Umschau. Die hat nämlich nachgeforscht, ob die Paradiesfrüchte wirklich solche Gesundheitsgranaten sind, denn angeblich helfen sie gegen Prostatakrebs und Beschwerden in der Menopause, verbessern die Durchblutung, halten die Gefäße elastisch und und und. Naja, ist alles nicht bewiesen, aber saugesund sind sie trotzdem – und außerdem die erotische Vereinigung von biblischem Altertum mit exotischer Kulinarik. Oh Gott, es geht schon wieder los…

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Lissabonner Octopus an Tomate und Saudade

20 Jul
fado

Foto: Oliver Nieder

Das Licht im Clube de Fado wird gedämpft. Die Gäste verstummen und legen ihr Besteck beiseite. Mário Pacheco betritt den Raum. Er ist der Chef des Hauses und ein bekannter Fadomusiker in Lissabon. Während der elegant gekleidete 60-Jährige mit seinen Musikern gegenüber unseres Tisches Platz nimmt, versuche ich die Schmutzränder auf meiner Kordhose zu verbergen.

Nach allem was ich im Fado-Museum gelernt habe, ist das nicht die klassische Besetzung. Neben Pacheco an der portugiesischen Gitarre, Diogo Clemente an der spanischen Gitarre und dem Sänger Miguel Capucho ist ein Kontrabassist dabei. Der groß gewachsene Paulo Paz sieht allerdings aus, als würde er besser in eine norwegische Jazzband passen. Während alle anderen Gäste nur Augen für die Musiker haben, schiele ich auf meinen Octopussalat mit Tomate. Ich habe Hunger! Allerdings wage ich nicht zur Gabel zu greifen. Mittlerweile ist es so dunkel im Club, dass ich wohl versehentlich die Tischdeko essen würde.

Pacheco nickt seinen Musikern zu – und schon fliegen seine Finger über die zwölf Saiten der Guitarra. Doch der schnelle, freundliche Rhythmus bekommt durch den sanften, dunklen Klang der einsetzenden spanischen Gitarre einen nostalgischen Unterton. Und urplötzlich bricht zwischen den Lippen des Sängers ein solch wehklagender Laut hervor, dass fast mein Octopus vor Schreck vom Teller hüpft. Mein Puls hämmert an meine Schädeldecke. Ich starre den Mann an. Seine weit aufgerissenen Augen offenbaren einen mehr als leichten Silberblick, aber er scheint keine Hilfe zu benötigen.

Ein kleines Gewölbe für große Gefühle

Nach wenigen Liedern ist der Auftritt vorbei. Während ich endlich essen kann, sehe ich mich in dem alten Steingewölbe um, in dem schon Woody Allen, Neil Armstrong, Isabel Allende und viele weitere Berühmtheiten zu Gast waren, um dem Fado zu lauschen. Dieser musikalische Ausdruck der portugiesischen Volksseele hat seinen Ursprung in den armen Vierteln Lissabons, er war die Musik der Seemänner, Zuhälter und leichten Mädchen, der einfachen Leute und sehnsuchtsvoll Leidenden, die nicht nur die verflossene Liebe, sondern auch soziale Missstände besangen.

Ich schiebe meinen leeren Teller weg und trinke noch einen Rotwein. In meinem Kopf wird es warm und neblig. Meine Augenlider werden schwer. Ich beobachte ein junges Pärchen, das schräg gegenüber von mir sitzt: Während er ihr zärtlich ins Ohr flüstert, wischt sie sich lächelnd eine Träne weg. Sie mögen es groß, die Portugiesen: Kleine Gefühle gibt es nicht, nicht im Leben und nicht in der Musik. Für pragmatische Rheinhessen wie mich ist das eine Nummer zu groß.

Der Weltschmerz und sein Lockruf

Schon wird das Licht wieder gedämpft, Pacheco und Band kommen zurück. Dieses Mal gibt Clemente den Ton an, der Gitarrist mit Krawatte und Turnschuhen, der Mann mit der schwarzen Mähne und den dunklen Glutaugen. Wieder schwebt eine schwermütige Melodie von Tisch zu Tisch, kitzelt mich erst an den Beinen und streicht dann ganz langsam meinen Rücken hinauf. Ich bekomme eine Gänsehaut. Plötzlich habe ich einen Kloß im Hals und muss schwer schlucken. Was ist denn jetzt los? Meine Augen werden feucht.

Clemente singt mit geschlossenen Lidern, seine modulierende Stimme hüllt mich ein. Ich schniefe und bin völlig gebannt. Er hat mich, der Fado. Die Melancholie und das Leid des Fadistas packen mich mit aller Macht. Ich kann kein Portugiesisch, aber ich habe verstanden: Ich bin erfüllt von Saudade, dem berühmten portugiesischen Weltschmerz, geboren aus Verlust, Nostalgie und Sehnsucht, dessen Lockruf der Fado ist. Eine Träne kullert meine Wange hinab. Während Clementes Gesang immer dramatischer wird, greife ich mir an die Brust. Ich bin kurz davor, durch die alten Gassen der Alfama zur Tejobucht zu laufen und mich von den schwarzen Wellen des Meeres davontragen zu lassen  – oh Welt, oh Fado, oh Saudade…

Suff weltweit: P wie…

24 Mrz

Travel-and-Food-Blogs sind sehr in. Ich lese sie gern. Mit exotischem Essen und mir ist es aber so eine Sache. Mopane-Raupen in Namibia, gegrillte Heuschrecken in Thailand, Froschschenkel in Frankreich? Nein, danke! International gesehen ist das Trinken mehr mein Metier. Deswegen gibt es die Rubrik “Suff weltweit von A-Z” – wird natürlich fortlaufend erweitert.

P wie…

portwein

Portwein in Portugal: Für Portweinfreaks muss dieser Ort der Himmel sein: Das Lissabonner Portweininstitut in der Rua de Sao Pedro de Alcantara bietet etwa 200 Sorten an, angefangen von günstigen, jungen Tröpfchen bis zu knapp 100 Jahre alten Raritäten für sehr viel Geld. Der schmutzige, grüne Teppich und die rustikal charmanten Kellner holen aber vermutlich auch abgehobene Kenner schnell wieder auf die Erde zurück. Echter Port stammt übrigens immer aus dem Douro-Tal, wo mehr als 80 Rebsorten wachsen. Entscheidend ist die Verstärkung durch Weindestillat. Das stoppt die Gärung und die Weine werden ziemlich süß und hochprozentig. Wir probieren im Institut einiges durch: Dows, Calems und Grahams L.B.V., Burmester 10 Jahre alt, Feist 1980, Taylors 20 Jahre alt etc. Der Knaller ist ein 30 Jahre alter Dalva, lieblich-süß, intensiv nach Sherry duftend und mit transparent rostroter Farbe. Kostet auch nur schlappe 7,40 Euro pro 0,075 Liter.

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Galerie

Schilderwald international

20 Mrz

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Die Chouriço-Buße

24 Jan
wurscht

Feuerfoto: Oliver Nieder

Ich bin ein sündiger Mensch: Ich habe schon mal die Zeche geprellt, romantisch an Shah Rukh Khan gedacht und manche Menschen in meinen Träumen mit einem Morgenstern bearbeitet. Alle meine Verfehlungen kommen mir in den Sinn, als sich im Lissabonner Bairro Alto das Fegefeuer vor mir auftut. Die Flammen züngeln, mir wird heiß und es riecht nach verbranntem Fleisch.

„Du musst das nicht essen“, sagt eine vertraute Stimme an meinem Tisch. Aber eine Stimme in mir sagt: Doch. Diese portugiesische Chouriço-Wurst, die mir in der Bar do Ricardo gerade in einer Art Grillbaukasten serviert wurde, ist meine Strafe. Sie zu essen die Buße für meine Sünden.

Unter den Blicken aller anderen Gäste schnappe ich mir zwei Gabeln und versuche die Wurst zu wenden, ohne dabei selbst in Flammen aufzugehen. Es zischt, die Wurst rollt unkontrollierbar über den Rost und ich zucke zurück. Dabei fällt ein brennender Tropfen Gottweißwas auf den Tisch. Panisch schlage ich mit der Gabel darauf herum und rette in letzter Sekunde die Lissabonner Altstadt vor einem Flächenbrand.

Die Wurst ist schwarz und stinkt, aber ich ziehe sie auf meinen Teller. „Buäh!“, sagt die vertraute Stimme an meinem Tisch. Ich ignoriere sie erneut, lege etwas Brot über das Desaster und stecke die Gabel hinein. Wenn dies der Weg zu einer reinen Seele ist, dann werde ich ihn gehen…

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