Tag Archives: Landkreis des Grauens

15 gute Gründe nicht in Idar-Oberstein zu leben

14 Aug

Es ist lange her, aber ich bin nicht darüber weg: Ein Jahr habe ich in Idar-Oberstein gelebt. Als Volontärin habe ich damals meine Verzweiflung über den Landkreis des Grauens als “Nachrichten aus Death Valley” an meine Freunde in der Zivilisation geschickt. Kürzlich sind mir meine Lamenti wieder untergekommen – und da der Kreis Birkenfeld nicht an Charme gewonnen hat, dachte ich: Rein damit ins Blog! Übrigens existiert aus dieser Zeit kein Foto, ich male daher was. 15gutegruende

Herbst 2005

Zum Abschluss meiner Idar-Oberstein-Reihe gibt es ein kleines Resümee. Nein, das hat garantiert nichts Versöhnliches. Das Beste an Idar-Oberstein ist noch immer die Straße nach Mainz. Hier sind meine 15 guten Gründe nicht im Landkreis des Grauens zu leben:

  1. …weil man hier ernstlich glaubt, man hätte den Spießbraten erfunden. Wie kann man nur annehmen, man wäre der erste gewesen, der ein Stück rohes Fleisch auf einen Stock spießt und über Feuer hält?
  2. …weil es hier keine brauchbare Buchhandlung gibt. Ich habe kürzlich versucht, Heinrich von Kleists Theaterstück „Amphitryon“ zu kaufen. Als ich den Autorennamen buchstabieren musste, hatte ich innerlich schon mit dem Vorhaben abgeschlossen.
  3. …weil an jedem Ortsschild im Kreis Birkenfeld der Hinweis „Achtung, Tollwut gefährdeter Bezirk“ hängt. Ich frage mich langsam, wer damit gewarnt werden soll: Tiere oder Menschen?
  4. …weil ich selbst nach einem halben Jahr noch keinen gut aussehenden Mann gesehen habe, sieht man mal von den Italienern in der Eisdiele San Marco ab. Aber ich kann doch nicht jeden Tag ein Spaghetti-Eis essen gehen.
  5. …weil die einzig brauchbare, weil ebene und nah gelegene, Joggingstrecke hinter einer Kläranlage und durch ein Industriegebiet führt. Auch Fahrrad fahren sollte man bleiben lassen, wenn man nicht ernsthaft für die Tour de France trainiert.
  6. …weil ich von Kaiserslautern-Fans umgeben bin. An jedem Auto hier kleben rote Teufel.
  7. …weil die nächste Autobahnauffahrt rund 35 Kilometer von meinem Wohnort entfernt liegt. Ich lebe im Niemandsland.
  8. …weil es anscheinend tatsächlich nur ein einziges türkisches Lädchen gibt. Und selbst da sprechen sie diesen grässlichen Dialekt und fragen „Dat lo?“, wenn sie wissen möchten, ob man DAS DA haben möchte.
  9. …weil in den beiden Kinos dieser Stadt nur Kinder- oder Krawallfilme laufen. Falls diese eiserne Regel mal gebrochen wird, bin ich garantiert die einzige im Kino und für eine Person muss man ja nicht die Heizung anmachen.
  10. …weil die Idar-Obersteiner doch tatsächlich so verrückt waren und ihren Fluss flächendeckend mit einer vierspurigen Straße überbaut haben. Seitdem gelten sie in Architekturseminaren gerne mal als das Negativbeispiel für Städteplanung.
  11. …weil man hier Laugenbrezeln verkauft, die schwarz wie die Nacht und hart wie Granit sind. Würde man so eine versehentlich auf der Nahe-Überbauung fallen lassen, würde das Gebäck garantiert ein Loch durch den Beton schlagen und in den Fluss fallen. Aufgeweicht könnte man es aber wenigstens wieder essen.
  12. …weil man samstagsnachmittags durch die Fußgängerzone laufen kann, ohne auf andere Menschen zu treffen. So ähnlich muss sich der einzige Überlebende eines Atombombenangriffs fühlen.
  13. …weil ich trotz Kabelanschluss weder HR3, noch NDR 3, noch Pro7 empfangen kann. Außerdem ist dieser komplette Landkreis eine Aneinanderreihung von Funklöchern. In meiner Küche habe ich noch nicht mal Handyempfang. Ruft mich jemand mobil an, muss ich vor meinen Wohnzimmerfenster auf und ab gehen.
  14. …weil es in dieser Gegend rund 12.826.905 Baustellen gibt. Umleitungen schildert man nicht aus, wofür auch, man rechnet nicht mit Fremden.
  15. …weil selbst das größte Parkhaus schon um 19 Uhr schließt. Der letzte Bus zu mir fährt um 20.45 Uhr. Ich meine das ganz ernst: Das sinnvollste Fortbewegungsmittel ist ein Pferd. Ich nehme seit kurzem Reitstunden.

***

Nachtrag vom 07. März 2015:

Nicht einverstanden mit diesem Text? Dann schickt mir eure Idar-Oberstein-Tipps! Infos hier: https://silvesterkind.wordpress.com/2015/03/07/auf-nach-idar-oberstein/

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Bruce, der Teufel und ich in Idar-Oberstein

3 Aug

Es ist lange her, aber ich bin nicht darüber weg: Ein Jahr habe ich in Idar-Oberstein gelebt. Als Volontärin habe ich damals meine Verzweiflung über den Landkreis des Grauens als “Nachrichten aus Death Valley” an meine Freunde in der Zivilisation geschickt. Kürzlich sind mir meine Lamenti wieder untergekommen – und da der Kreis Birkenfeld nicht an Charme gewonnen hat, dachte ich: Rein damit ins Blog! Übrigens existiert aus dieser Zeit kein Foto, ich male daher was.

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Spätsommer 2005

Meine Lieben, bis vor fünf Minuten dachte ich ernsthaft an Selbstmord. Diese Stadt hat, abgesehen von diversen Edelsteinen, nur eins produziert, was ich für begehrenswert halte: Bruce Willis. Ja, sexy Schweinebacke ist hier geboren. Sein Daddy war in Idar-Oberstein als Soldat stationiert, verliebte sich in eine Deutsche und schon war es passiert. Was dabei Prachtvolles herauskam, wissen wir alle. Ich bin sicher, die Damen erinnern sich an diese Szene aus „12 Monkeys“, als Bruce nackt in seiner Gefängniszelle lag und die Kamera … – ich schweife ab.

Bruce

Heute Morgen saß ich also in der Redaktion und schrieb einen Artikel über das Straßentheaterfestival, das ich Samstag besucht hatte. Mit halbem Ohr hörte ich meinen Kollegen am Nachbartisch ins Telefon fragen: „Hallo Frau Meier, wie war es denn mit Bruce Willis am Wochenende?“ Ich hörte augenblicklich auf zu tippen und meine Ohren bekamen die Größe von Satellitenschüsseln. Wer zur Hölle war Frau Meier? Dann ging es weiter: „Ach, da stand der einfach vor Ihrer Tür? Na, das ist doch nett!“ Bitte? NETT? Ich bekam Atemnot und gab unartikulierte Geräusche von mir, die meinen Kollegen auf mich aufmerksam machten.

Der Teufel

Ich schloss die Augen und atmete langsam ein und aus. Jetzt ging es erst richtig los. „Bruce Willis saß also in Ihrem Wohnzimmer und hat Kaffee getrunken?“ Ich war fassungslos. Was für ein Traum: Bruce Willis auf der heimischen Couch! Ich bekam Herzrasen. Mein sadistischer Kollege lächelte mich an. Plötzlich färbten sich seine Haare pechschwarz und aus der Stirn wuchsen zwei rote Hörner. Das Telefon glühte und durchs Büro zog Schwefeldampf. Mit diabolischem Grinsen öffnete er den Mund und sprach mit verzerrter Stimme: „Und Sie hatten wirklich noch die Lockenwickler drin?“ Da bin ich kollabiert. Mir wurde schwarz vor Augen. Mir schwanden die Sinne und ich rutschte langsam unter meinen Schreibtisch.

Was dann geschah, bleibt Spekulation: Ich nehme an, dass unsere Sekretärin mich zwischen Palme und Computer rauszog und wiederbelebte. Als ich zu mir kam, sah mein Kollege so harmlos aus wie immer, aber es lag noch ein leichter Schwefelgeruch in der Luft.

Ich

Man muss sich das mal vorstellen: Während ich am Samstag von Eis verschmierten, klebrigen Kindern umgeben war und Clown Foufou beim Jonglieren zugesehen habe, klingelte ein paar hundert Meter weiter Bruce Willis mit seinem Bruder und seinem Vater bei der früheren Vermieterin Frau Meier an der Tür. Einfach so. Ohne mich. Wo ist mein Strick?

Unter Todesdrohungen zwang ich meinen Kollegen, mich als Nummer Eins für alle potenziellen Termine mit Bruce anzuerkennen. Er sagte zwar Ja, aber seine Augen funkelten dabei merkwürdig. Ich bin daher gerade dabei, einen Vertrag aufzusetzen, der mir die Exklusivrechte sichern soll. Hatte ich mal behauptet, in Idar-Oberstein sei nichts los?

*Alle Namen geändert – außer dem von Bruce Willis und vom Teufel.

Wie ich im Landkreis des Grauens sportlich scheiterte

7 Jun

Es ist lange her, aber ich bin nicht darüber weg: Ein Jahr habe ich in Idar-Oberstein gelebt. Als Volontärin habe ich damals meine Verzweiflung über den Landkreis des Grauens als “Nachrichten aus Death Valley” an meine Freunde in der Zivilisation geschickt. Kürzlich sind mir meine Lamenti wieder untergekommen – und da der Kreis Birkenfeld nicht an Charme gewonnen hat, dachte ich: Rein damit ins Blog! Übrigens existiert aus dieser Zeit kein Foto, ich male daher was.

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Spätsommer 2005, Landkreis des Grauens

Es gibt drei Sportarten, mit denen ich besondere Erlebnisse hatte, seit ich im Landkreis des Grauens wohne. Es sind: Schießen, Reiten, Fitness.

Schießen

Ich hatte einen Termin beim größten Schützenverein der Stadt, der alljährlich sein „Freundschaftsschießen“ durchführt. Zu diesem Spaß-Turnier melden sich Behörden, Vereine und Privatleute mit Teams an und ballern um die Wette. Ich mache es kurz: Am Luftgewehrstand hat mir einer die Waffe erklärt, den ich auf neun Jahre schätze. Falls ich also je in eine schlimme Lage geraten sollte, werde ich eher in einer Grundschule als bei der Polizei um Verstärkung bitten.

Reiten

Ich nehme seit einiger Zeit Reitstunden. Der Gaul heißt Salina (*) und hält sich für einen Komiker. Bei meiner ersten Stunde hatte ich Angst, dass ich gar nicht auf das Vieh raufkomme. Deshalb hab ich dermaßen Schwung geholt, dass ich beim Aufsteigen fast wieder auf der anderen Seite runtergefallen wäre. Ich befürchte, das war der Moment, in dem Salina beschlossen hat, mich nie wieder ernstnehmen zu müssen.

Fitness

Ich bin Mitglied in einem Fitness-Studio. Es ist ein hochmodernes Ding und passt deshalb überhaupt nicht zu mir. In meinem ersten Training hat mir Coach Jimmy, ein klitzekleiner Mann mit Migrationshintergrund, die Geräte gezeigt. Jimmy konnte nur einen einzigen Satz in fließendem Deutsch sagen und der lautete: „Wo ist dein Lächeln, Alexandra?“. Ich schwör’s euch: Er hat von mir noch ein paar andere Vokabeln gelernt.

Bei meinem zweiten Training war Coach Andy für mich zuständig. Offenbar enden alle Trainernamen auf „y“, es gibt auch noch Bobby und Josy. Dummerweise hat sich Andy vorgenommen, mich zu einer Fitness-Queen zu machen. Ich habe ihm gleich gesagt, dass er sich lockermachen kann und nicht unter Druck ist, ich bin es dann nämlich auch nicht. Allerdings hat er mich zu seiner Mission erklärt – in jeder Hinsicht.

Bei meinem letzten Training hat er mich nämlich mit roten Bäckchen angestrahlt und – das ist ein Zitat – mit den Worten „na, du kleine, süße Maus!?“ begrüßt. Das müsst ihr euch mal vorstellen! Man hat mir ja schon manches an den Kopf geworfen, aber „kleine, süße Maus“ war noch nicht darunter. Die Bezeichnung will auch so gar nicht zu meiner Selbstwahrnehmung passen, schon gar nicht, wenn ich Leggins trage.

Das mit dem Sport – das ist nichts für mich.

(*) alle Namen geändert

Die Idar-Obersteiner – höchstpersönlich

19 Mai

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Es ist lange her, aber ich bin nicht darüber weg: Ein Jahr habe ich in Idar-Oberstein gelebt. Als Volontärin habe ich damals meine Verzweiflung über den Landkreis des Grauens als “Nachrichten aus Death Valley” an meine Freunde in der Zivilisation geschickt. Kürzlich sind mir meine Lamenti wieder untergekommen – und da der Kreis Birkenfeld nicht an Charme gewonnen hat, dachte ich: Rein damit ins Blog! Übrigens existiert aus dieser Zeit kein Foto, ich male daher was.

Sommer 2005, Landkreis des Grauens

Die Menschen in Idar-Oberstein sind… öhhh… besonders!? Ich kenne die genealogischen Linien in dieser Stadt nicht im Detail, aber ich vermute, dass ein Wissenschaftler bei der Untersuchung des Genpools erstaunliche Entdeckungen machen würde. Natürlich sind nicht alle (*) verrückt, manche sind nur ein wenig wunderlich – wie Herr Popp und Herr Grün.

Ein Mann mit Präsenz

Herr Popp ist Vorsitzender eines Vereins und steht daher in regem Kontakt mit der Redaktion. Herr Popp kann per Fax, Telefon und in Person ein solches Maß an Penetranz entwickeln, dass man schnell bereit ist, ihm sämtliche Aufmacher zu widmen, in der Hoffnung, dass man danach Ruhe hat. Ich durfte ihn bei einem Termin in der Rilchenberg-Kaserne kennenlernen. Er hat mich 15-mal gefragt, wie ich heiße und mich konsequent mit Frau „Schäfer“ angesprochen. Ich musste mich sehr beherrschen, ihn nicht als „Herr Popo“ anzureden, aber die geballte Waffengewalt der IV. Inspektion hat mich abgeschreckt.

Der Termin verlief dennoch gut, war unspektakulär und schnell geschrieben. Der Artikel war in keinster Weise was Besonderes, dennoch habe ich mit diesen Zeilen Herrn Popps Herz im Sturm erobert. Seither begrüßt er mich mit Handkuss und beschwert sich, dass man so schwer an mich herankäme, weil vor meinem Schreibtisch eine große Palme steht. Was bin ich froh um das Grünzeug. Eigentlich müssten da auch noch ein paar Kakteen hinpassen.

Ein Mann mit Auftrag

Herr Grün läuft immer ganz schnell mit seiner Aktentasche durch die Stadt, was zeigt, wie ungeheuer beschäftigt er ist. Er trägt gern eine khakifarbene Weste mit vielen Taschen, in denen er wichtige Dinge verstaut. Ganz sicher könnte er mit ihnen aus dem Stand einen Jumbo zusammenbauen oder eine Operation am offenen Herzen durchführen. Jeder Besuch von ihm läuft gleich ab: Sobald Herr Grün im Raum ist, entwickeln meine Kollegen eine beachtliche Geschäftigkeit. Plötzlich müssen alle aufs Klo, in die Küche oder suchen etwas unterm Tisch.

Jedenfalls hat sich Herr Grün vor Jahren selbst als Fotograf bei der Zeitung angestellt. Das war nicht nötig, das wollte auch keiner, aber er hat sich entschieden, das zu ignorieren. Das heißt, sobald irgendwo was los ist, denkt er, er hätte einen Auftrag, macht ein Bild und kommt vorbei:

  • Grün: „Ich habe da am Wochenende mal ein Foto gemacht.“
  • Sabine: „Ach, Herr Grün, das ist doch gar nicht nötig.“
  • Grün: Gucken Sie mal, das ist doch richtig gut.“
  • Sabine: „Wer und was ist denn das?“
  • Grün: „Ja, ach so, das weiß ich jetzt auch nicht mehr so genau. Auf jeden Fall in Algenrodt.“
  • Sabine: „Aber Herr Grün, ein paar Infos brauchen wir schon. Was sollen wir denn in die Unterzeile schreiben? Falls es das Sportfest war, dann hatten wir dort eh einen Fotografen.“
  • Grün: „Ja? Den hab ich aber gar nicht gesehen.“
  • Sabine: „Das kann ja sein, die sind ja manchmal schnell wieder weg.“
  • Grün: „War wirklich jemand da? Ich hab da keinen gesehen.“
  • Sabine: „Ganz sicher, Herr Grün, ich hab die Fotos auch schon angeguckt.“
  • Grün: „Das ist doch aber komisch, dass mir da niemand aufgefallen ist. Sind Sie sicher?“
  • Sabine: „Herrrrrrrr Grrrrrrrrün, Sie können mir vertrauen. Wir haben Bilder.“

Man muss sich vorstellen, das alles geschieht morgens um 9 Uhr vor dem ersten Kaffee, direkt vor der Konferenz, während die Telefone klingeln und sich Herrn Grüns duftintensives Eau de Toilette den Raum erobert. Ich bin sicher, dass Sabine bei der nächsten Unterhaltung dieser Art Herrn Grün mit ihrer Tastatur attackiert. Um ihre weitere Karriere mache ich mir dennoch keine Sorgen. Vermutlich waren gerade wieder alle auf dem Klo, in der Küche oder unterm Tisch und keiner hat was mitbekommen.

(*) Alle Namen geändert.

Coiffure à l’Idar-Oberstein

26 Apr

 

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Es ist lange her, aber ich bin nicht darüber weg: Ein Jahr habe ich in Idar-Oberstein gelebt. Als Volontärin habe ich damals meine Verzweiflung über den Landkreis des Grauens als “Nachrichten aus Death Valley” an meine Freunde in der Zivilisation geschickt. Kürzlich sind mir meine Lamenti wieder untergekommen – und da der Kreis Birkenfeld nicht an Charme gewonnen hat, dachte ich: Rein damit ins Blog! Übrigens existiert aus dieser Zeit kein Foto, ich male daher was.

Sommer 2005, Landkreis des Grauens

Ich hatte mir fest vorgenommen, es nicht zu tun. Nicht hier in Idar-Oberstein. Aber es war ein Notfall: Noch niemals musste jemand so dringend zum Friseur wie ich. Es musste sofort geschehen. Umgehend! Also schnappte ich mir mein Handtäschchen und rannte aus dem Büro.

Für meine Skepsis gegenüber Idar-Obersteiner Haarschneidekunst gab es zwei gute Gründe:

  1. Eine Dame aus der Verwaltung, die ich kennenlernte, als ich meinen Zweitwohnsitz anmeldete. Jedes ihrer krass blondierten Haare hatte die Form einer exakten mathematischen Geraden. In ihrer Gesamtheit standen sie halbkreisförmig vom Kopf ab, ähnlich einem Strahlenkranz. Ich sah den Superlativ von „toupiert“. Das ganze Ensemble erinnerte mich an frühägyptische Darstellungen des Sonnengottes.
  2. Die Bedienung in einem Café in der Innenstadt. Ihre Haare waren schokoladenbraun mit graugelbem Ansatz, der nach ranziger Butter aussah. In Feinarbeit hatte sie einzelne Strähnen in Wellen gelegt, den Hinterkopf dabei aber völlig vergessen. Zum Ende hin verjüngten sich die Strähnen in Außentollen, die einen Gruß in alle Himmelsrichtungen schickten und mich spontan an die 50er denken ließen.

Ich rannte also aus dem Büro und in den nächstgelegenen Friseurladen. Fast wollte man mich abweisen, aber ich warf mich auf den Boden und trommelte mit Händen und Füßen auf die Fließen. Das wirkte! Zwei Angestellte führten mich zu einem Stuhl, brachten mir Kaffee und versprachen, sich gleich um mich zu kümmern. Langsam beruhigte sich mein Puls und ich fing an, meine Umgebung wahrzunehmen. Plastikefeu schmückte die Ecken. Die Angestellten, die mir gerade noch wie engelsgleiche Retter meines Seelenheils vorkamen, schienen mir plötzlich sehr jung. Zu jung für diese verantwortungsvolle Tätigkeit. Außerdem hatten beide Mädchen mindestens drei wildgewordene Haarfarben auf dem Kopf. Die Frisuren sahen aus wie die von diesen grässlichen Plastik-Regenbogen-Ponys, die es in meiner Kindheit gab. Um keinen Preis wollte ich so aussehen! So dringend war es mit dem Haarschnitt nun doch nicht.

Ein Vokuhila in acht Farben

Gerade wollte ich die Flucht antreten, als man mir hinterrücks einen Umhang umwarf und mich in den Stuhl zurückzog. Widerstand war zwecklos. Zur Ablenkung griff ich einen Frisurenkatalog. Ich dachte, mit einem praktischen Beispiel sollten die zwei Ponys doch klarkommen. Also schlug ich das Buch auf und wen sah ich? Boy George! Im Geiste sah ich mich mit einem Vokuhila in acht Farben und toupiertem Pony – ein ästhetischer Supergau. Schon kam die Jüngere der Friseurinnen auf mich zu und schob ihre Monsterfingernägel geradewegs in mein Gesicht.

Offensichtlich wollte sie mir meine Brille abnehmen. Meine Brille! Die trage ich seit dem Kindergarten und, zur Hölle, mit gutem Grund: Ohne Brille nehme ich nur noch Bewegung wahr. Und nicht nur das: Ich leide an einer merkwürdigen Form der Synästhesie: Sobald ich nichts mehr sehe, habe ich auch keine anderen Sinneswahrnehmungen mehr. Der Satz „Mach’s Licht an, ich hör nix“ ist mir zuzutrauen. Doch schon zog sie mir die Gläser weg und die Welt verschwand in nebligem Schweigen…

Als ich wieder erwachte, versperrte mir ein Bundeswehrsoldat den Blick in den Spiegel. Der Schuft hatte sogar meine Brille auf! Doch plötzlich erkannte ich mit Schrecken meine eigenen Gesichtszüge unter dieser fremden Frisur. Ich zahlte und ging. Mittlerweile habe ich wieder Spaß am Leben. Aber wenn ich die Damen aus der Verwaltung und dem Café sehe, dann zwinkern sie mir zu, als würde uns etwas ganz Besonderes verbinden.

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