Ein Atlas zeichnet das Echo alter Zeiten auf

10 Aug

atlas

Sie sind wie Rufe aus lang vergangenen Zeiten: Geisterstädte. Überreste von Orten, an denen einst Menschen gelebt und geliebt haben und deren Gemeinschaften gescheitert sind. Die Französin Aude de Tocqueville hat ihnen ein Buch gewidmet. Der „Atlas der verlorenen Städte“ ist kürzlich im Verlag Frederking & Thaler auf Deutsch erschienen. Der goldgelbe Band versprüht einen Hauch von nostalgischem Weltschmerz und wird sicher nicht nur erfahrenen Reisenden einen wehmütigen Schauer bescheren.

Der 142 Seiten starke Atlas ist nach Kontinenten sortiert und stellt insgesamt 40 untergegangene Städte von Ägypten bis Zypern vor. Im ersten Moment ist man als Leser verwundert, dass es kein einziges Foto gibt, nicht mal ein Porträt der Autorin, wo doch die Fotos im modernen Tourismus der eigentliche Sinn und Zweck des Reisens zu sein scheinen. Doch im Grunde sind die gezeichneten Landkarten von Karin Doering-Froger ein wunderbarer Kniff, denn sie verleihen diesem hochwertigen Buch im Zusammenspiel mit den Kompassnadeln und Koordinatenangaben den Charme alter Schatzpläne.

Kein Ende gleicht dem anderen

Die Städte und ihre Geschichten sind höchst unterschiedlich. Mal sind es Ruinen früherer Hochkulturen wie Karthago in Tunesien oder Pompeji in Italien. Mal sind es Städte, die vermutlich selbst von ihren Gründern nicht für die Ewigkeit gedacht waren wie die US-Goldgräberstädte Bannack und Rhyolite oder die kurzzeitige Diamanten-Metropole Kolmannskuppe in Namibia. Mal sind es Orte, die am Wahnsinn des Menschen gescheitert sind wie das ukrainische Prypjat, das nur drei Kilometer vom Atomkraftwerk Tschernobyl entfernt liegt und als Wohnort für die Arbeiter des Reaktors extra geplant wurde. Wie Tocqueville berichtet, endet die Geschichte der Stadt mit dem 27. April 1986. Viel zu spät, nämlich am Tag nach der Explosion quälte sich ein Konvoi von Panzern und 1225 Bussen nach Prypjat, um die 50.000 Bewohner abzuholen, die da schon über Stunden der Strahlung ausgesetzt waren.

Manches Mal sind es auch ganz außergewöhnliche Ereignisse, die das Ende eines Ortes besiegeln. Centralia in den USA ist solch ein Ort. Seit 50 Jahren brennt hier ein Feuer, das niemand zu löschen vermag. Im Mai 1962 wurde als Vorbereitung auf den Memorial Day die Mülldeponie angezündet. Zunächst unbemerkt fraß sich das Feuer in die unterirdische Kohlemine, doch plötzlich verformte sich der Asphalt und Erdspalten rissen auf. Angeblich soll ein Priester der Stadt und ihren Bewohnern genau dieses Ende vorhergesagt haben. Wobei „Ende“ eigentlich das falsche Wort ist, denn tatsächlich leben immer noch einige Unerschrockene an diesem verlassenen Ort. Übrigens: Laut Tocqueville ist die Historie von Centralia Vorbild für die Videospielserie „Silent Hill“.

Die Geschichte wiederholt sich

Wenn man etwas an diesem lesenswerten Buch, das sehr deutlich zeigt, dass der Mensch letztlich nur eine Fußnote in der Geschichte der Welt ist, kritisieren möchte, dann wohl Folgendes: Es ist zu dünn. 40 Geisterstädte sind einfach ein paar zu viel für 142 Seiten, denn zahlreiche Geschichten sind so spannend, dass man sich als Leser gerne mehr hineinvertiefen möchte, bevor man die Zeitreise zum nächsten Untergang antritt. Um einen Folgeband muss man sich aber wohl leider nicht sorgen. Denn wer dieser Tage regelmäßig die Nachrichten verfolgt, der hat bei den Geschehnissen in Afrika und dem Nahen Osten klar vor Augen, dass der Untergang von Städten leider kein geschichtliches Thema ist, sondern vielmehr Bestandteil unserer Gegenwart und Zukunft.

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