Silvesterkinds Zeitreisen – 1626/ Kyoto

1 Mrz

Ich bin mal gefragt worden, mit wem ich am liebsten verreisen würde. Da fiel mir auf: Die sind alle schon tot. Reisen durch die Zeit – das wär’ was! Da die nach meinem derzeitigen Kenntnisstand noch nicht möglich sind, denke ich sie mir halt aus. Wer Lust hat, bei Silvesterkinds Zeitreisen mitzumachen, melde sich bei mir!

Kyoto, ein Nachmittag im Jahre 1626

kyoto

Ich schlendere durch Japans Kaiserstadt: Kyoto. Die Nachmittagssonne wirft lange Schatten zwischen den dunklen Holzhäusern, über denen sich immer mehr fette, träge Regenwolken sammeln. Die Gassen sind eng und sehen alle gleich aus. Aber Kyoto, gegründet im 8. Jahrhundert, ist schachbrettartig angelegt. Auch als Fremder kann man sich daher einigermaßen zurechtfinden.

Überall herrscht geschäftiges Treiben. Die Bürstenmacher verkaufen lautstark feilschend ihre Besen, Pinsel und Haarbürsten aus aufgeklappten Holzläden. Durch eine halboffene Tür sehe ich kurz einem Porzellanmaler zu, der hoch konzentriert Kirschblüten auf ein weißes Gefäß malt. Kinder laufen mit Büchern unterm Arm lachend in Richtung eines Shinto-Schreins. Eine alte Frau rührt in einem dampfenden kleinen Topf, aber der Geruch ist fremdartig, mir wird ein bisschen flau. Ich greife in meine Tasche und ziehe eine Papiertüte heraus: Es geht doch nichts über eine Mainzer Laugenbrezel als Reiseproviant.

Von Pferdegetrappel…

Gerade will ich ein Stück abreißen, da höre ich hinter mir Pferdegetrappel. Ich springe schnell zur Seite und schon galoppieren zwei Männer an mir vorbei – Samurai! Aufgeregt packe ich meine Ditsch-Tüte wieder ein, raffe meinen Kimono zusammen und laufe – so schnell es diese unsinnigen japanischen Holzsandalen erlauben – den Staubwölkchen hinterher. Glücklicherweise habe ich es nicht weit, denn kaum biege ich mit verkrampften Zehen um die nächste Ecke, stehe ich vor einem prächtigen Torbogen. Das muss der Einlass nach Nijo sein, der Burg der Shogune. Die Reiter kann ich nirgends sehen, aber ein Junge – vermutlich eine Art Stallbursche – versucht gerade mit Unterstützung der Torwächter die aufgeregten Pferde zu beruhigen. Schnell schleiche ich mich an dem reich verzierten Portal vorbei und sause hinter ein paar Büschen entlang zu einem großen Gebäude.

Kyoto ist als Kaiserstadt seit Jahrhunderten der politische und religiöse Mittelpunkt Japans. Mit dem Aufstieg der Samurai, der japanischen Kriegerkaste, verliert der Kaiser aber seit einigen Jahren immer mehr an Bedeutung und damit auch seine Stadt Kyoto. Die Anführer der Samurai, die Shogune, haben sich Edo als militärisch-politischen Amtssitz gewählt. Die Burg Nijo, 1603 von Shogun Tokugawa Ieyasu angelegt, ist ihre Residenz, wenn sie mal in der Kaiserstadt zu tun haben. An Opulenz mangelt es trotzdem nicht: Die Anlage ist riesig und besteht aus mehr als 20 Gebäuden, Toren und Grünanlagen. Worüber ich vor meiner Zeitreise im Internet gelesen habe, staune ich nun mit eigenen Augen: Die Ausstattung ist verschwenderisch, überall sehe ich feinste Holzschnitzereien und goldene Wandgemälde, der Boden ist bedeckt von duftenden Tatami-Matten. Was für eine Pracht!

…und Vogelgezwitscher

Ich schleiche weiter durch einen Wandelgang und höre das Zwitschern von Nachtigallen, wie wunderbar idyllisch. Äh… Moment mal… Nachtigallen? Während ich in den dunklen Ecken meines Gedächtnisses krame, was ich noch gleich über Nachtigallen in Nijo gelesen habe, höre ich auch schon, wie vor mir eine geheime Schiebetür krachend aufreisst und ein Samurai mit martialischem Gebrüll auf mich zustürmt. Verdammt! Ich bin im legendären Nachtigallen-Flur! Hier ist der Boden aus Holzdielen und Metallkrampen so konstruiert, dass er Töne ähnlich einem Vogelgesang produziert, sobald ungebetene Besucher durchlaufen. Ich habe die Alarmanlage ausgelöst!

Kreischend drehe ich mich um und will flüchten – da verheddere ich mich im Kimono, rutsche aus diesen Dreckssandalen und schlage der Länge nach hin. Während mir die Geisha-Perücke vom Fastnachtsschlussverkauf im Kaufhof über das linke Auge rutscht, sehe ich mit dem rechten noch, wie meine Brezel aus der Tasche fällt und dem finsteren Samurai eiernd vor die Füße kullert. Leicht verwirrt bleibt er stehen. Er spießt mein Laugengebäck mit seinem Schwert auf und riecht daran. Das ist meine Chance: Ich nehme eine Holzsandale, donnere sie ihm an den Kopf und renne dem halb bewusstlosen Samurai davon. Wenigstens für etwas sind diese Holzsandalen gut.

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