Rosenmontag in Mainz – eine Chronologie

10 Feb

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Einmal im Jahr haben mich meine Freunde besonders lieb. Ich wohne nämlich in Mainz an der Strecke des Rosenmontagszugs. Wie ich und andere Anwohner diesen Tag erleben? Eine dokumentarische exemplarische Chronologie:

10 Uhr: Diverse Freunde haben sich zum Brunch eingeladen. Alle haben an Getränke, aber keiner an Essen gedacht. Schnell werden mehrere Flaschen Sekt geleert. Leider fliegt bei einer der Korken mit solchem Karacho weg, dass er die Haferflockenpackung eines WG-Mitbewohners glatt durchschießt.

11.11 Uhr: Während in der Boppstraße der Zug anrollt, rieseln immer noch Haferflocken von der Küchendecke. Man wirft Konfetti zwischen die restlichen Flocken in der Packung und hofft, dass der Mitbewohner, der sich gerade auf der Flucht befindet, den Unterschied nicht bemerkt. Derweil bringt man den kolumbianischen Gästen wichtiges Liedgut bei: „Rucki Zucki“ flutscht in Sachen Aussprache deutlich besser als „Schnuckele Schnackele, Heissassa“.

11.30 Uhr: Pippi Langstrumpf raucht und verfehlt beim Aschen den Aschenbecher, trifft dafür aber die Luftschlangen. Apfelschorle hilft beim Löschen. Zum Rauchabzug reißen die Kolumbianer die Fenster auf und beglücken das Viertel mit ihrer neuen Sangeskunst.

12.15 Uhr: Die Mainzer schalten die TV-Übertragung des Rosenmontagszuges ein. Beim Anblick der Funkenmariechen kippt einer vor Aufregung eine Flasche Sekt um, der Fernsehapparat zischt und dampft. Zwei Höhlenmenschen formulieren eine gereimte Schadensmeldung an die Haftpflichtversicherung.

12.50 Uhr: Letzte Arbeiten am Kostüm, das in klimatischen Extremen bestehen muss: eisige Tundra beim stundenlangen Stehen auf der Straße und subtropische Wetterlagen bei Tanzorgien in Altstadtkellern.

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13.10 Uhr: Der Zug kommt! Das Narrenvolk stürmt auf die Straße. Pippi Langstrumpf, mittlerweile auf dem Balkon rauchend, wird vergessen. Jeder telefoniert mit jedem und alle verabreden als Treffpunkt die Weißliliengasse. Die Kolumbianer lernen eine Gruppe Cowgirls kennen und kommen nicht mit. „Schnuckele Schnackele, Heissassa“ klappt offenbar doch ganz gut.

13.50 Uhr: Man trifft auf dem Neubrunnenplatz auf Bekannte. Da die aber zu Altweiber in Köln waren, samstags bei der Sitzung der Meenzer Drecksäck und sonntags beim Finther Zug der Lebensfreude hat ihr Sprachzentrum geschlossen.

14.05 Uhr: Beim Überklettern einer Absperrung auf der Lu stürzt einer der zwei Höhlenmenschen und schneidet sich die Hand an Scherben auf. Als ein Sanitäter nach dem Namen fragt, fällt auf, dass man den Höhlenmenschen gar nicht kennt.

14.30 Uhr: Großes Hallo auf der Weißliliengasse, das gemeinsame Lager befindet sich direkt vor der Polizeistation. Man hebt die Plastikbecher uff unser goldisch Meenzer Fassenacht, wundert sich, wo Pippi Langstrumpf ist und gratuliert einem Polizisten zu seinem teuflisch echt aussehenden Knallblättchen-Colt.

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14.45 Uhr: Gut 100 Zugnummern sind durch. Die Motivwagen sind mal wieder nur so halb gewagt, aber die Fußgruppen sorgen für Stimmung. Man will gerade die anfliegende Schokolade fangen, als sie einem ein Vater mit aufgeklapptem Schirm und ausgefahrenem Ellbogen vor der Nase wegschnappt und seinem verzogenen Balg zusteckt.

14.46 Uhr: Die Regenschirmnummer wiederholt sich. Damit ist das Maß voll! Mit markerschütterndem Helau-Gebrüll stürzt man sich auf den Familienvater, zwingt ihn zur Herausgabe von mindestens einer Schokolade und zwei Heidelbeerbonbons und flüchtet dann in die Altstadt.

15.45 Uhr: Vorm Klo auf dem Bischofsplatz trifft man die Kumpels wieder, zieht mit ihnen zwischen Bitsch-Keller, Klingelbeutel und Goldstein umher und trifft auf eine Samba-Gruppe. Der eigene Hüftschwung ist allerdings so unerwartet heftig, dass man ausrutscht und mit der Stirn auf das Kopfsteinpflaster fällt. Da plötzlich Nebel in den Straßen aufzuziehen scheint, bleibt man mal kurz liegen. Nur zur Sicherheit.

16 Uhr: Irgendjemand bringt einen in die Wohnung zurück. Man krabbelt zu Pippi auf den Balkon, die sich mit einem Transvestiten auf dem Nachbarbalkon angefreundet hat. Man erklärt den beiden, dass es echt toll war, mal wieder die Nacht durchzufeiern, bis es hell wird – wie früher, als man noch jung und wild war. Dass es immer noch hell ist und man schon länger nicht mehr jung und wild, das verschweigen die zwei netterweise.

16.05 Uhr: Während man auf der Couch langsam wegdöst, gratuliert man sich zu diesem rundum gelungenen Mainzer Rosenmontag. Nur Rheingauer Sekt, den wird man nie wieder trinken. Mehrere Flaschen dieser hessischen Plörre müssen abgelaufen gewesen sein, so mies wie man sich gerade fühlt. Die können einfach nix, diese Messfremden…

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3 Antworten to “Rosenmontag in Mainz – eine Chronologie”

  1. World Whisperer 10/02/2015 um 11:44 am #

    Hihi ja so oder so ähnlich. Sehr gut beschrieben. Bei mir gehts Samstag nach Köln und Sonntag nach Bonn 🙂

  2. Betrachterauge 10/02/2015 um 4:50 pm #

    Amüsant 🙂 Danke!

  3. schneewittchenimwald 15/02/2015 um 7:33 pm #

    Sehr geil! Habe mich köstlich amüsiert. 🙂 (Obwohl ich dem ganzen „Karnevalswahnsinn“ nicht viel abgewinnen kann.)

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