Silvesterkind schmökert sich um die Welt – Teil 3

9 Dez

Urlaubslektüre – gehört in den Reiserucksack wie der Pass und die Durchfalltabletten. Ich nehme gerne Bücher mit, die im Reiseland spielen oder von einem einheimischen Autor stammen. Es steigert das Leseerlebnis, wenn man am Ort des Geschehens ist und nebenbei findet man über die Literatur einen eigenen Zugang zum Land und seiner Kultur. Aber ich sage es ganz offen: Ich mache es mir gerne einfach. Als Magistra der Literaturwissenschaft weiß ich, dass das Lesen mancher Texte harte Arbeit ist – und wer will im Urlaub arbeiten? Hier einige Schmökertipps, die nicht unbedingt im Kanon der Weltliteratur stehen, aber tolle Reisegefährten sind:

tokio

1. Japan – „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ von Hiromi Kawakami: Tsukiko trifft zufälligerweise in einer Großstadtbar ihren früheren Lehrer wieder. Der „Sensei“ ist wohlerzogen, freundlich, alt und sehr steif. Die beiden haben nichts gemeinsam, außer ihrer Begeisterung für eine gute Mahlzeit außer Haus. Sie sitzen zusammen an der Theke, essen und plaudern. Der Leser sitzt ihnen mit knurrendem Magen gegenüber und guckt heimlich dabei zu, wie sich dieses seltsame Paar ganz sacht und leis verliebt. Kawakamis international viel gepriesener Roman ist so schlicht wie Nudelsuppe. Und vielleicht deswegen ebenso herzerwärmend. Über die altbackene Höflichkeit und die merkwürdig ritualisierten Umgangsformen des Lehrers muss man zwar oftmals grinsen. Aber wenn er endlich seine ehemalige Schülerin fragt, ob sie „zum Zweck eines Liebesverhältnisses eine Beziehung mit ihm eingehen würde“, dann ist das ein Moment höchsten Leseglücks – vor allem, wenn man gerade selbst in Japan ist. Denn der durchschnittliche Haudrauf-Rheinhesse, der nur mal eben zu Besuch ist, empfindet die Japaner als so schüchtern, brav und sauber, dass er sich ernstlich fragt, wie sie es je auf die stattliche Anzahl von 126 Millionen bringen konnten. Vermutlich war wie bei Tsukiko und dem Sensei der ein oder andere Sake im Spiel – da fühlt man sich doch fast wieder wie zu Hause.

2. Sri Lanka – „Anils Geist“ von Michael Ondaatje: Ich bin in Koggala am Indischen Ozean. Ich lese in diesem merkwürdigen Roman von Michael Ondaatje, dem kanadischen Autor von niederländisch-tamilisch-singhalesischer Abstammung, der einst mit „Der englische Patient“ weltberühmt wurde. Und ich werde unruhig. Das hat zwei Gründe: Zum einen geht die Hauptfigur Anil, diese eigentlich in jeder Hinsicht bemerkenswerte Rechtsmedizinerin, die im Auftrag der UN in ihre alte Heimat Sri Lanka zurückkehrt, um mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen, so gar nicht an mich. Zum anderen geht aber offenbar alles andere so sehr an mich, dass ich mich ständig frage, was wohl unter diesem Sand begraben liegt. Denn auf dieser wunderbaren Insel, auf der ich höchst privilegiert meinen Urlaub verbringe, herrschte noch vor wenigen Jahren ein grausamer Bürgerkrieg. Wie grausam, das kann jemand mit meiner Biografie wahrscheinlich kaum erahnen. Eine Idee davon, von Angst, Gewalt und Verzweiflung, von Verrat, Hoffnungslosigkeit und Leid, vermittelt „Anils Geist“. Aber auch, wenn ich versuche, das alles nur als Literatur zu sehen – eine Meinung zu diesem Buch bekomme ich nicht.

3. Schweden – „Geschehnisse am Wasser“ von Kerstin Ekman: Mittsommer 1974: Das Stadtkind Annie will mit seiner Tochter ein neues Leben in einer nordschwedischen Kommune beginnen. Auf dem Weg dorthin verläuft sich Annie im Wald und begegnet plötzlich einem fremdländisch aussehenden Mann. Kurz darauf entdeckt sie die Leichen von zwei jungen Leuten. 18 Jahre später sieht Annie ihre mittlerweile erwachsene Tochter in den Armen eben jenes Mannes und die Vergangenheit bricht in die Gegenwart ein. „Händelser vid vatten“ ist kein gewöhnlicher Krimi. Im Mittelpunkt dieses Mordfalls stehen nicht Opfer, Täter oder Kommissare, sondern eine Randfigur des Verbrechens, nämlich Annie. Die eigentliche Hauptrolle spielt aber die Natur, deren Wälder und Winternächte, Moore und Flussläufe in epischen Beschreibungen gefeiert und nahezu mystisch beschwört werden. Ich kenne fast nur Leute, die dieses Buch mit seinem üppigen Personal und den vielen Zeitsprüngen mühsam fanden. Ich fand es großartig. Nicht nur, weil es ein tiefliegendes Faible für den dunklen Norden geweckt hat, sondern auch, weil es das erste Buch war, das ich komplett auf Schwedisch gelesen habe – jeder verstandene Satz ein Triumph und ein Schritt durch eine neue Welt.

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