Das Spiegelei – japanisches Drama in drei Akten

1 Dez

Staebchen

Prolog

Ich bin 38 Jahre alt, ich habe einen akademischen Hochschulabschluss und ich habe mit Würde den Tod von Patrick Swayze überstanden – ich werde auf keinen Fall vor einem Spiegelei kapitulieren!

Es ist Vormittag und ich sitze in einem kleinen Café in einem Seitengässchen in Osaka. Ich habe keine Ahnung, wo genau ich mich befinde, denn ich reise nicht durch Japan, ich verirre mich durch Japan. Damit mir dabei nicht die Kraft ausgeht, habe ich mir auf bewährte Art etwas zu essen bestellt: Ich habe die Menükarte mit japanischen Schriftzeichen höflich lächelnd zur Seite gelegt und dann auf das Essen meines Nachbarn gedeutet. Ich bekam: eine ungeheuer dicke Scheibe Weißbrot, einen Klecks Kartoffelsalat, ein Viertel Tomate und jenes nahezu flüssige Spiegelei, das ich nun unter Beachtung japanischer Tischsitten mit Stäbchen aufessen soll. Wie? Ich habe keine Ahnung…

1. Akt

Ich hätte wirklich gerne Messer und Gabel zur Hand, aber ich tue ganz lässig, nippe an meinem Kaffee und schiele zum Nachbartisch. Der ältere Herr ist leider schon fertig. Ich gucke von meinen Stäbchen zum Spiegelei und schließe die Augen. Ich versuche uns in einem harmonischen Dreiklang zu vereinen, aber ich spüre keine Verbindung. Ich ergreife die Stäbchen und schubse das Ei an. Es wogt gefährlich hin und her. Während mir das wabbelige Weiße durch die Bratkruste beherrschbar erscheint, wird das flüssige Eigelb von einer sehr fragilen Haut in Schach gehalten, unter der eine ungezügelte Wildheit brodelt. Meine Analyse ergibt: ganz oder gar nicht. Abbeißen funktioniert hier nicht.

2. Akt

Zur Lockerung meiner Handmuskeln mache ich Übungen mit dem Viertel Tomate. Stäbchenmäßig habe ich es voll drauf. Ich versuche das Eiweiß von allen Seiten über das Gelbe zu klappen, um das Ganze dann statisch unbedenklich zum Mund führen zu können. Aber das Eiweiß patscht zurück. Ich klappe es erneut über das Gelbe und ziehe die Kanten wie beim Origami mit einem Stäbchen glatt. Zur Absicherung lege ich etwas Kartoffelsalat oben drauf. Stolz gucke ich zu dem älteren Herren, der mich über seine Brille hinweg beobachtet. In meinem Lächeln liegt der Triumph deutscher Ingenieurskunst.

3. Akt

Ich wende mich wieder dem Eierpäckchen zu und versuche, es mit den Stäbchen aufzunehmen. Das fettglänzende Ding droht zwischen ihnen durchzuflutschen, aber ich darf nicht zu fest drücken, sonst reisst die Eiweißhülle. Ich beuge mich siegesgewiss mit weit geöffnetem Mund über den Teller, da kommt das Ensemble plötzlich in Schieflage und rollt über das vordere Stäbchen. Ich schreie entstetzt los. In Zeitlupe sehe ich, wie sich das Eierpäckchen in einem Salto Mortale überschlägt und mit der Unterseite auf den Teller platscht. Ich höre ein Brodeln und Grollen, der Kartoffelsalat fliegt katapultartig in die Blumendeko und unter ihm schießt eine Dotterfontäne heraus, die sich laut plätschernd gegen mein Kinn ergießt. Vom Nachbartisch höre ich ein Kichern.

Finale

Wutenbrannt werfe ich die Stäbchen an die Wand – welches halbwegs vernünftige Volk denkt sich denn so was aus? Mit der rechten Hand packe ich die weiß-gelben Trümmer und donnere sie auf die Scheibe Brot. Laut schmatzend schlinge ich mein Frühstück hinunter. Dann knalle ich ein paar Yen-Scheine auf den Tisch, schnappe meine Tasche und verlasse diesen Ort. Draußen atme ich die Novemberluft tief ein und muss umgehend niesen. Mir ist Eigelb in die Nase gespritzt, aber ich glaube, mein Gehirn hat nichts abbekommen. Während ich den verkrusteten Dotter von meinem Kinn kratze, ziehe ich Bilanz: Ich bin 38 Jahre alt, ich habe einen akademischen Hochschulabschluss und ich habe mit Würde den Tod von Patrick Swayze überstanden – und diesem japanischen Spiegelei habe ich gezeigt, wo’s langgeht!

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