Osaka – 10 Stopps für offene Ohren

23 Nov

1. Flughafen: Koffer streichen sanft über Teppich, Reisverschlüsse ratschen, Pässe und Visa rascheln, Trippelschrittchen, Stimmengewirr. Abbiegen Richtung Toilette, die Tür knallt in den Rahmen, der Riegel klackt. Stille. Japan – endlich! Glieder strecken, Muskeln dehnen, es kracht im Nacken. Plötzlich Sturzbäche, Plätschern und Rauschen aus versteckten Lautsprechern, ich erschrecke und kiekse, knalle mit dem Ellbogen an die Wand, stöhne auf und muss doch lachen: erster Kontakt zur Geräuschprinzessin. Japan – endlich!

klo

2. Irgendwo: Schritte auf Asphalt, stetes Verkehrsrauschen. Erfreutes Quieken beim Anblick des Getränkeautomaten: Wasser, Cola, Schorle, Café au lait, Grüntee, Limo, Espresso, Molke mit Orange, British Tea, Isotonisches, Bier, Pflaumenwein, Vanilleshake, Apfelsaft – feuchte Träume aller Durstigen! Aufgeregtes Klimpern in meiner Hand. Der Schlitz, Münzen rappeln hindurch, lautes Dong gegen die Plexiglasklappe, zischen, gluckern, schlucken, aaaaahh… Automatenwunderland!

3. Backpacker Hotel Toyo: Brummen, Brummen, Brummen. Finsternis, mein Schädel dröhnt. Laken streicheln über Reisstrohmatten, Kruscheln und Rascheln, mein Handy. „20.38 Uhr“ – deutsche Zeit? Es brummt und brummt. Gleichmäßiges Atmen meiner Freundin. Seufzen. Ich stopfe mir etwas Schmatzendes in die Ohren, hoffentlich Ohropax. U-Boot-Brummen. Sehr lautes U-Boot-Brummen. Flüche Richtung Kühlschrank.

4. Nirgendwo: Motoren röcheln, Züge knattern über Hochgleise, unaufhörliches Biepen der Ampeln. Genervtes Blättern im Reiseführer. Karten klappen auf und zu, auf und zu, Quietschen von Fahrradbremsen. Fremdartige Laute aus einer winzigen, lächelnden Omi. Fingertippen auf der Karte. „Shitennoji“, sagen wir, „hai, hai!“, sagt sie. Drei Paar Füße marschieren im Gleichklang, vorbei an tosenden Kreuzungen, geschäftig klappernden Einkaufsstraßen, polternden Baustellen und gemütlich klingenden Gässchen. „Shitennoji“, sagt sie plötzlich, „ooooh, aaaah“, sagen wir und winken zum Abschied. Leises Flattern ihrer Einkaufstasche im Wind.

osaka

 

 

5. Shitennoji-Tempel: Platsch – meine Tasche fällt. Platsch – ich daneben. Rauschen im Kopf, Puls in den Ohren, Schlafmangel, tiefes Einatmen. Gähnen. Ein Mann mit Hut, Handschuhen und Mundschutz recht den Kies bedeckten Boden zwischen den Pagoden. Langsam, mit Hingabe zieht sein Rechen Schlangenlinien. Ein unverändlicher Rhythmus. Knirschen wird zu Zischeln wird zu Säuseln zu Atmen. Mit leisem „Plopp!“ fallen meine Augen zu.

6. Isshinji-Tempel: Schnürsenkel ratschen auf, Schuhe fallen dumpf klackernd auf Holzstufen. Lautlose Schritte über duftende Tatami-Matten, vorbei an goldglänzenden buddhistischen Utensilien. Menschen werfen schrill klimpernde Münzen in Boxen, das klirrende Echo peitscht zu den Fenstern hinaus. Eine Frau huscht zu den Mönchen, ein Gehstock fällt tönend um. Singsang. Klöppel streichen durch Klangschalen, das angenehme Wispern schleicht sich ins Ohr. Der wabernde, helle Ton füllt den Raum. Die Gedanken ziehen davon ohne Adieu.

isshinji

7. Shinimamiya-Station: Knirschende Schritte die Treppe hinauf. Vögel zwitschern aus Lautsprechern. Knattern, Rattern und Rauschen, Quietschen und Fiepen, Summen und Brummen und das immerwährende Warnsignal für einfahrende Züge, das kaskadenartig direkt ins Ohr donnert und so lange darin herumwirbelt, bis man Zahnschmerzen bekommt.

8. Riesenrad: Leise Jazzmusik aus knisternden Boxen. Eine Frauenstimme, die irgendetwas auf Japanisch flüstert. Der Nachtwind, der die Gondel sanft anschubst und sich klappernd in den Luftschlitzen verfängt. Weit entfernt das Rotorengeräusch eines Hubschraubers und das Surren und Klicken unserer Kameras, die dem funkelnden Lichtermeer unter uns doch nicht gerecht werden können.

riesenrad

9. Pier: Plätschern am Okawa-Ufer. Warten auf den Aqualiner. Eine süßliche Frauenstimme, die unaufhörlich durch dröhnende Lautsprecher knarzt. Und niemand da, der sie versteht. Flatternde Flügel, Klauen scharren über Erde, Blätter rascheln, Krächzen. Krähen, die sich von Mülltonnen verjagen. „Krah-krah“. Zeit, viel Zeit. Und immerfort diese einschmeichelnde Frauenstimme mit ihren scheppernden Botschaften. Soundtrack zum Science-Fiction-Film.

10. Burg Osaka-jo: Dumpfe Tritte, Faustschläge prasseln auf Brustkörbe, aggressives Gebrüll. Zwei Männer dreschen aufeinander ein – zur Show. Schnelle Schritte von Schulkindern, aufgeregte Rufe von hellen Stimmen, Taschen schleifen über Asphalt, Klatschen und Jubel für die „Samurai“. Es brutzelt, zischt und dampft an zahlreichen Ständen, eine Eismaschine surrt, Verkäufer rufen ihre Kunden herbei. „Sorriiiii!“, sagt eine junge Japanerin schüchtern und hält mir ihr iPhone hin. Kichern, Glucksen und Gickeln, als sie sich mit ihrer Freundin in Victory-Pose wirft. „Smile“, sage ich – klick!

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