Norderney – Inseltour mit 10 Stopps für offene Ohren

17 Okt

strand

Ich schlage die Augen auf. Es ist kurz vor 7 Uhr und noch nicht hell. Kurz muss ich überlegen, ob ich wirklich schon wach bin, denn ich höre kein Geräusch, nichts. Ich liege im Bett unserer Ferienwohnung auf Norderney, direkt an den Dünen, und bin irritiert von diesem Ausmaß an Stille. Ich wackele unter der Bettdecke mit den Füßen: Test, Ohr links, Ohr rechts, raschel, raschel – gut, funktioniert alles. Zur Sicherheit öffne ich das Fenster und mit der kühlen Morgenluft kommen die Geräusche der Insel herein: das leise Prasseln des Regens auf dem Herbstlaub, das Rauschen der letzten Blätter in den Baumkronen, das erschreckte Zwitschern eines Vogels, der sich über die Gartenhecke davonmacht. Norderney – eine Inseltour mit offenen Ohren:

1. Weiße Düne: Schnelle Schritte auf nassem Asphalt. Räder klingeln uns zur Seite. Autos brausen Richtung Inselosten, vorbei an zermatschten Kaninchenleichen. Eine leichte Brise rauscht durch Dünengras, Regenjacken knistern. Pferde schnauben, Hufe klackern dumpf über Koppeln. Sonnenuntergang. Schritte, die mit zunehmender Dunkelheit immer gehetzter werden. Lichter des Restaurants, die still und einladend auf der Düne leuchten. Holzstufen knarzen, Weingläser klirren, Kellner grüßen.

pferde

2. Nordbadestrand: Meeresrauschen. Das dunkle Grollen der Nordsee, die ihre Wellen sprudelnd und gurgelnd an Land rollt. Das angenehme Tosen, wenn sie im steten Rhythmus durch meine Gehörgänge branden. Das Surren und Klicken meiner Kamera, die den Sonnenuntergang einfängt. Das Schmatzen meiner Schuhe im nassen Sand, als ich rückwärts vom Meer wegstapfe. Das empörte Kreischen einer Möwe, der ich zu nah komme und die sich mit wildem Flügelschlag auf einen Holzpfahl schwingt.

3. Conversationshaus: Kellner eilen mit quiekenden Gummisohlen über glänzende Fliesen. Geschirrklappern, Blubbern der Kaffeemaschine, anschwellendes Röcheln des Milchaufschäumers, lautes Stimmengewirr, das zum dezenten Hintergrundrauschen wird, als die Tür zwischen Caféteria und Konzertsaal schließt. Flotte Schritte von Musikern die Bühne hinauf. Metallisches Krachen aus Lautsprechern. Die lauwarme Stimme des Sängers, der seine Moderationen säuselt und mit charmierendem Lachen garniert. Stühle kratzen über Parkett, Senioren, die orkanartig flüstern. Das leise quietschende Eiern eines Rollators, bevor eine beschwingte Melodie todesmutig von der Bühne hüpft.

conversationshaus

4. Badehaus: Knistern der Papierabdeckung unter mir. Meditative Jazzklänge umschmeicheln meine Liege. Eingeölte Hände einer Masseurin knatschen über meinen Rücken. Mein rechtes Schulterblatt, das bedenklich knackt, gefolgt vom Rhythmus meines Blutes, das durch meinen Kopf pulsiert. Der Saxofonfluss, der mich warm und vibrierend umfängt und mitnimmt.

5. Goode Wind: Ein Dröhnen und Wummern aus Männerkehlen. Dazwischen explosionsartiges Lachen einer schrillen Frauenstimme. Ab und an wabern Melodiefetzen durch den warmen Geräuschebrei. Hinter der Theke rasselt der Barmann mit Cocktailbechern, es klappert, fließt, plätschert, rauscht und zischelt in Gläsern und Flaschen. Leises Knuspern von Salzstangen. Und das gut gelaunte Brabbeln eines alten Seebären, der sich klackernd mit seinem Gehstock und gewaltigen Zahnlücken nach draußen schafft.

goodewind

6. Sternwarte: Regentropfen prasseln im Stakkato auf Holz. Aufgeregte Stimmen. Menschen, die im Finstern mit platschenden Schritten über einen unebenen Weg eilen. Münzen klimpern, Stühle rücken, allgemeines Hallo, ein Beamer summt. Eine Stimme erzählt und erzählt, wenig von Sternen und viel von Kaufangeboten. Die intergalaktische Butterfahrt ist nicht zu stoppen…

7. Leuchtturm: Schritte schlurfen die Treppe hinauf. Schweres Atmen und Schnaufen, Reisverschlüsse ratschen, Druckknöpfe klacken auf, Jacken rascheln beim Ausziehen. Kinder zählen die Stufen mit: „…74, 75, 76…“. Je höher man kommt, desto heftiger wird das Schnaufen und unregelmäßiger das Schlurfen. Die letzten Stufen: Schwere Beine mit zwickenden Waden stampfen über Metall, klong-klong, Echo verteilt sich, bis man endlich auf die Plattform tritt und nichts mehr wahrnimmt außer dem Pfeifen des Windes, der wirre Gesprächsfetzen und das Propellerknattern vom Flugplatz mitbringt.

turm

8. Wattwanderung: Das Wispern unserer Regenmäntel, von denen leise der Niesel fließt. Der Wind, der sich wild rauschend zwischen meinen Ohren und meiner Kapuze verfängt. Der ostfriesische Singsang unseres Wattloopers, der unter dem Gejohle der Wanderer einen Sandwurm aufisst. Die helle Kinderstimme einer Kleinen, die nicht aufhören kann zu fragen: „Mama, hat der Mann den Wurm gegessen, Mama, hat der den wirklich geschluckt, Mama…“ Das laute Schmatzen unserer Schritte, als wir uns barfuß und bis zu den Knien versinkend durch den schwarzen Schlick kämpfen und das noch lautere Gestöhne, als dadurch das im Watt gebundene Methan frei wird und alles nach faulen Eiern stinkt, und das noch viel lautere Lachen unseres Wattführers, der sich mächtig über uns Landratten beömmelt. Und das leise Kichern von mir, weil ich den Mann einfach großartig finde.

watt

9. Milchbar: Sektgläser klirren, Kaffeetassen klappern, Löffel kratzen Milchreis mit Sanddornsoße aus Porzellantellern. Geschnatter und Gegacker, Gespräche und Gelache, Jugendliche in viel zu teuren Jacken dreschen am Strand gegen einen Fußball. Ein kleiner Junge hämmert mit seiner Schaufel auf seinen Eimer ein, der Eimer war wohl böse. Skateboards schrubben über die Promenade, Radfahrer klingeln und müssen doch mit fiependen Handbremsen anhalten. Servietten fliegen leise flappend mit bunten Drachen um die Wette.

10. Hafen: Anfahren, bremsen, anfahren, bremsen. Motoren gehen aus, Türen schlagen, Schritte eilen Metalltreppen hinauf. Ein Kind fällt und heult, der Vater tröstet. Kameras klicken, letzte Bilder mit Norderney im Hintergrund. Zwei Hunde beschnuppern sich, die Halsbänder rasseln, die Herrchen unterhalten sich. Lautsprecher knistern, die Durchsage wummert und dröhnt schmerzhaft in den Ohren. Der Schiffsmotor brummt, Bier fließt zischelnd in Plastikbecher, lautloses Anstoßen. Flaggen flattern heftig im Wind, Möwen schreien und begleiten uns aufs Wasser hinaus.

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