Fünf Erkenntnisse als Wackelelvis von Windhoek

30 Sep

schilder

Der Taxifahrer geht aufs Gas, als müsse er ein gefährliches Tier zertreten. Mit quietschenden Reifen heizen wir die Independance Avenue entlang und ich werde von der Fliehkraft in den Beifahrersitz gedrückt wie Thomas Reiter beim Start zur ISS. Ich will mich anschnallen, aber der Gurt ist kaputt. Macht nichts, denn kaum winken drei schwarze Ladys vom Straßenrand, geht der Mann wieder auf die Bremse – ich kippe katapultartig nach vorne.

Während die drei einsteigen, schwankt mein Sitz wild hin und her und ich beschließe, den namibischen Taxiverband mit dem deutschen TÜV bekannt zu machen. „Hello everybody!“, sagt die erste. „Jesus!“, sage ich und versuche den Sitz zu beruhigen. „Germany?“, fragt die zweite grinsend und ich sage: „No, Kuiseb Street, please!“ Ein erdbebenähnliches Lachen kommt von der dritten und wir diskutieren die Route: Ich muss nach Eros, das Trio zur Maerua Mall, also die andere Richtung. Aber ich habe es nicht eilig und fahre die Runde mit.

Reisetipps und die reale Welt

Während der Fahrer erneut sein Gaspedal malträtiert, ziehe ich Zwischenbilanz: Oft hört man, Taxifahren sei gefährlich, man solle sich die Registriernummer auf der Karosserie merken, sich unbedingt anschnallen und dem Fahrer unmissverständich klar machen, dass man keine anderen Fahrgäste wünscht. Ich habe in kürzester Zeit alles falsch gemacht. Diese Tipps sind eben nicht alltagstauglich für Windhoek. In dieser Stadt gibt es nahezu keinen öffentlichen Nahverkehr, alles läuft über Sammeltaxis, die nonstop hupend durch die Straßen cruisen, möglichst viele Leute aufnehmen und Fixpreise verlangen: 9 Namibia-Dollar für eine kurze Tour, 18 Dollar für eine lange.

Es gibt zwar spezielle Touristen-Taxis, aber die sind rar gesät und deutlich teurer, ich nehme sie nur für Nachtfahrten. Mir scheinen die Warnungen vor kriminellen Taxifahrern ein wenig übertrieben. Während die Weißen fast alle ein eigenes Auto haben, können sich das die wenigsten Schwarzen leisten und fahren ausschließlich mit den billigen Sammeltaxis. In Windhoek müssen pro Tag zigtausende von Fahrten über die Bühne gehen und ich finde, dafür hört man recht selten von Überfällen.

Wir brausen die Mugabe Avenue entlang, vom Rücksitz kommt ein einziges Geschnatter und Gegacker. Der Fahrer stöpselt seinen USB-Stick in die Anlage und dreht die Musik so laut auf, dass den Ladys fast das Kunsthaar aus den Zöpfen fliegt. Mein Sitz groovt mit. Eins muss ich diesem Verrückten lassen: Die Musik ist top. Ich beginne mich als Wackelelvis ganz gut zu fühlen, stupse mich mit der Schulter an der Scheibe ab und schwanke voll im Rhythmus hin und her. Als wir an der Mall halten frage ich nach dem Musiker. Es entbrennt eine wilde Diskussion, die zu nichts führt. Konsens: Der Mann ist Nigerianer.

Der Nordstern für Taxifahrer

Wir gabeln neue Passagiere auf und der Fahrer fragt noch mal, wohin ich will. „Kuiseb Street“, sage ich und der Mann runzelt die Stirn. „Muhammed Ave“, ergänze ich und verwirre ihn gänzlich. Okay, ich gebe es auf. Das war mein ultimativer letzter Versuch mit dieser Ansage ans Ziel zu kommen. Ich sage „Joe’s Beerhouse„. Er geht aufs Gas, tippt auf seiner Anlage herum und ich wackele wieder vor mich hin.

Wir heizen Richtung Eros und ich genieße diese Fahrt so richtig: Sonnenbrille auf, Ellbogen aus dem Fenster und Fury unterm Hintern. Yo, baby, yo! Aber schon legt der Taxi-Gangsta eine Vollbremsung hin, Split spritzt nach allen Seiten und wir schlittern vor die Einfahrt zu Joe’s. Mein Sitz schleudert so heftig nach vorne, dass mir die Brille von der Nase rutscht und an einem Ohr baumelt. Ich schlage mir das rechte Schienbein an. Während ich mich auf ernsthafte Verletzungen untersuche, frage ich nach dem aktuellen Song. Wieder gehen Diskussionen los, die wieder zu nichts führen. Einziger Konsens: Auch diese Musik ist aus Nigeria. Als sich auch noch die Security von Joe’s einschaltet, lege ich zehn Dollar aufs Armaturenbrett und klinke mich aus. Leicht wackelig auf den Beinen schwanke ich nach Hause und ziehe Schlussbilanz:

  1. Es gibt Reiseführer und es gibt die Realität. Die Realität gewinnt.
  2. Verkehrsregeln werden überschätzt. Straßennamen auch. Der TÜV auch.
  3. Humor hilft. Immer. Schienbeinschoner sind aber auch nicht schlecht.
  4. Namibische Taxis sind gar keine Taxis, sondern rollende Diskotheken.
  5. Die beste Musik kommt aus Nigeria – aber keiner weiß, von wem genau.
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