Silvesterkind schmökert sich um die Welt – Kapitel 2

28 Jul

Urlaubslektüre – gehört in den Reiserucksack wie der Pass und die Durchfalltabletten. Ich nehme gerne Bücher mit, die im Reiseland spielen oder von einem einheimischen Autor stammen. Es steigert das Leseerlebnis, wenn man am Ort des Geschehens ist und nebenbei findet man über die Literatur einen eigenen Zugang zum Land und seiner Kultur. Aber ich sage es ganz offen: Ich mache es mir gerne einfach. Als Magistra der Literaturwissenschaft weiß ich, dass das Lesen mancher Texte harte Arbeit ist – und wer will im Urlaub arbeiten? Hier einige Schmökertipps, die nicht unbedingt im Kanon der Weltliteratur stehen, aber tolle Reisegefährten sind:

kairo

1. Ägypten – „Die Midaq-Gasse“ von Nagib Machfus: Der Arzt, der Bonbonverkäufer, die Heiratsvermittlerin, der Knochenbrecher, der Kaffeehausbesitzer, die Klatschbase, der Zuhälter – sie alle leben in einer typischen Gasse der Kairoer Altstadt. Genau wie der Friseur Abbas Al-Hilu, ein kleiner Mann mit großen Gefühlen. Für die Ehre seiner Angebeteten Hamida fordert er das Schicksal heraus und verliert. Das Ganze wäre eine recht simple Geschichte, wenn sie nicht der große Erzähler Machfus verfasst hätte. Der ägyptische Nobelpreisträger schildert voll Fabulierlust die Ängste und Hoffnungen seiner Figuren. Die Geschehnisse in der Midaq-Gasse sind auch Vorboten eines Umbruchs. Die Welt ist im Wandel und wenn man bedenkt, dass Machfus den Roman 1947 verfasst und ins Jahr 1945 verlegt hat, so kann man sich vorstellen, dass er diesen Wandel skeptisch beobachtet hat. „Lesen reicht vollkommen aus, eine Kultur zu verstehen“, so wird Machfus in der Zeit zitiert. Daran habe ich zwar meine Zweifel. Aber nach vier Wochen Individualreise durch das Land der Pharaonen, das ich in jeder Hinsicht als desolat empfunden habe, ist mir die Literatur deutlich sympathischer als die Realität.

2. Tschechien – „Der Golem“ von Gustav Meyrink: Der Roman von 1915 spielt vor dem Hintergrund der Legende um den Prager Rabbi Loew, der sich einst am Ufer der Moldau aus Lehm einen Gehilfen erschuf. Doch der Golem wurde gefährlich und schließlich zerstört. Seither kehrt er alle 33 Jahre wieder – als Vorbote großen Unglücks. Eben diesen seelenlosen Golem meint der Gemmenschneider Athanasius Pernath in einem Auftraggeber erkannt zu haben. Er wird von Visionen und Angstzuständen befallen, merkwürdige Gestalten tauchen auf und Unerklärliches geschieht. Ich merke gerade, dass ich leider daran scheitere, eine nachvollziehbare Inhaltsangabe zu schreiben. Meyrink macht es seinen Lesern nämlich genauso schwer wie seinen Figuren: Man wird reichlich verwirrt, die Handlung wankt wie ein von Medikamenten benebelter Psychiatrie-Patient zwischen Realität und Traumwelt hin und her. Ich bin nicht sicher, ob ich mich durch diesen Roman gekämpft hätte, wenn ich ihn nicht fürs Studium hätte lesen müssen. Der Kampf lohnt sich allerdings. Eines muss man Meyrink, einst einer der ersten Autoren der Phantastik, lassen: Er erschafft eine Atmopshäre, so düster, dicht und unheilvoll, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Und wenn man dann noch tatsächlich die Josefstadt durchstreift, diesen mystischen Ort mit seinen alten Gassen, seinen Synagogen und verwitterten Gräbern, dann sind das Gänsehautmomente, die man nicht so schnell vergisst.

3. Indien – „Shantaram“ von Gregory David Roberts: „Shantaram“ ist DAS Travellerbuch für Indien. Vielleicht meine ich das aber nur, weil ich mit Australiern über den Subkontinent gereist bin und diese den Autor heldisch verehren. Roberts sieht aus wie eine Mischung aus Schwarzenegger und Legolas und ist so was wie ein australischer Phönix. Er brach 1980 aus einem Gefängnis aus und flüchtete nach Indien. 1990 wurde er auf dem Frankfurter Flughafen verhaftet und an Australien ausgeliefert. Was zwischen diesen Eckpunkten in der Realität passiert, ist ungewiss. Was im Buch passiert, ist die Geschichte eines Outlaws, der sich neu erfindet, der inmitten von Mafia-Clans, Drogensucht, Waffenschiebereien, Slum-Elend, Knastgewalt und Kämpfen in Afghanistan ein Mann des Friedens wird. Kurz gesagt: Drama-knutsch-kawumm-Erlösung. So stellen sich wohl Männer echte Männer vor. Das Buch trieft vor Testosteron, weglegen kann man es aber nicht. Roberts schildert seinen Schicksalsort Bombay mit solcher Liebe zum Detail, dass man die Stadt mit allen Sinnen erspüren kann. Matthias Matussek hatte sich nach Erscheinen der Übersetzung mit Roberts getroffen. Sein Text erzählt mehr über ihn selbst als über Roberts, aber da nicht so wahnsinnig viele auf Deutsch zu finden sind, sei er verlinkt.

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