Lissabonner Octopus an Tomate und Saudade

20 Jul
fado

Foto: Oliver Nieder

Das Licht im Clube de Fado wird gedämpft. Die Gäste verstummen und legen ihr Besteck beiseite. Mário Pacheco betritt den Raum. Er ist der Chef des Hauses und ein bekannter Fadomusiker in Lissabon. Während der elegant gekleidete 60-Jährige mit seinen Musikern gegenüber unseres Tisches Platz nimmt, versuche ich die Schmutzränder auf meiner Kordhose zu verbergen.

Nach allem was ich im Fado-Museum gelernt habe, ist das nicht die klassische Besetzung. Neben Pacheco an der portugiesischen Gitarre, Diogo Clemente an der spanischen Gitarre und dem Sänger Miguel Capucho ist ein Kontrabassist dabei. Der groß gewachsene Paulo Paz sieht allerdings aus, als würde er besser in eine norwegische Jazzband passen. Während alle anderen Gäste nur Augen für die Musiker haben, schiele ich auf meinen Octopussalat mit Tomate. Ich habe Hunger! Allerdings wage ich nicht zur Gabel zu greifen. Mittlerweile ist es so dunkel im Club, dass ich wohl versehentlich die Tischdeko essen würde.

Pacheco nickt seinen Musikern zu – und schon fliegen seine Finger über die zwölf Saiten der Guitarra. Doch der schnelle, freundliche Rhythmus bekommt durch den sanften, dunklen Klang der einsetzenden spanischen Gitarre einen nostalgischen Unterton. Und urplötzlich bricht zwischen den Lippen des Sängers ein solch wehklagender Laut hervor, dass fast mein Octopus vor Schreck vom Teller hüpft. Mein Puls hämmert an meine Schädeldecke. Ich starre den Mann an. Seine weit aufgerissenen Augen offenbaren einen mehr als leichten Silberblick, aber er scheint keine Hilfe zu benötigen.

Ein kleines Gewölbe für große Gefühle

Nach wenigen Liedern ist der Auftritt vorbei. Während ich endlich essen kann, sehe ich mich in dem alten Steingewölbe um, in dem schon Woody Allen, Neil Armstrong, Isabel Allende und viele weitere Berühmtheiten zu Gast waren, um dem Fado zu lauschen. Dieser musikalische Ausdruck der portugiesischen Volksseele hat seinen Ursprung in den armen Vierteln Lissabons, er war die Musik der Seemänner, Zuhälter und leichten Mädchen, der einfachen Leute und sehnsuchtsvoll Leidenden, die nicht nur die verflossene Liebe, sondern auch soziale Missstände besangen.

Ich schiebe meinen leeren Teller weg und trinke noch einen Rotwein. In meinem Kopf wird es warm und neblig. Meine Augenlider werden schwer. Ich beobachte ein junges Pärchen, das schräg gegenüber von mir sitzt: Während er ihr zärtlich ins Ohr flüstert, wischt sie sich lächelnd eine Träne weg. Sie mögen es groß, die Portugiesen: Kleine Gefühle gibt es nicht, nicht im Leben und nicht in der Musik. Für pragmatische Rheinhessen wie mich ist das eine Nummer zu groß.

Der Weltschmerz und sein Lockruf

Schon wird das Licht wieder gedämpft, Pacheco und Band kommen zurück. Dieses Mal gibt Clemente den Ton an, der Gitarrist mit Krawatte und Turnschuhen, der Mann mit der schwarzen Mähne und den dunklen Glutaugen. Wieder schwebt eine schwermütige Melodie von Tisch zu Tisch, kitzelt mich erst an den Beinen und streicht dann ganz langsam meinen Rücken hinauf. Ich bekomme eine Gänsehaut. Plötzlich habe ich einen Kloß im Hals und muss schwer schlucken. Was ist denn jetzt los? Meine Augen werden feucht.

Clemente singt mit geschlossenen Lidern, seine modulierende Stimme hüllt mich ein. Ich schniefe und bin völlig gebannt. Er hat mich, der Fado. Die Melancholie und das Leid des Fadistas packen mich mit aller Macht. Ich kann kein Portugiesisch, aber ich habe verstanden: Ich bin erfüllt von Saudade, dem berühmten portugiesischen Weltschmerz, geboren aus Verlust, Nostalgie und Sehnsucht, dessen Lockruf der Fado ist. Eine Träne kullert meine Wange hinab. Während Clementes Gesang immer dramatischer wird, greife ich mir an die Brust. Ich bin kurz davor, durch die alten Gassen der Alfama zur Tejobucht zu laufen und mich von den schwarzen Wellen des Meeres davontragen zu lassen  – oh Welt, oh Fado, oh Saudade…

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