Die drei indischen Affen

7 Jul

Affe_Indien

Ich habe seit jeher ein gespaltenes Verhältnis zu Affen. Das hat sich in Indien bestätigt. Ich bin drei Affen begegnet, die mir, ich gestehe es, überlegen waren.

1. Ein Indischer Hutaffe in Periyar: Ich wunderte mich, warum das Café am Zugang des Nationalparks vergittert war. Nach unserer Tiger-Tour, auf der wir keinen einzigen Tiger gesehen hatten, kaufte ich mir eine Cola. Das Mädchen vor mir kaufte eine Tüte Chips. Kaum war es zur Gittertür hinaus, kam der Affe. Er ging auf das Mädchen zu, entriss ihm die Tüte und schwang sich auf eine Mauer. Leider war die Tüte schnell leer und der Affe noch hungrig. Also sprang er wieder hinunter, ging zu dem weinenden Kind und zerrte ihm den Rucksack von den Schultern. Der schockierte Vater ging dazwischen und erntete einen Hieb von dem Affen, dem plötzlich acht, neun Tiere zu Hilfe eilten. Während sie den Vater in Schach hielten, öffnete der Affe den Rucksack und zerrte eine Banane heraus. Dann guckte er mich an. Offenbar hatte er aber keine Lust auf Cola. Er warf den Rucksack weg und alle Tiere verschwanden.

Das Ganze geschah neben einem Schild mit dem Hinweis „Do not feed monkeys“. Von Füttern konnte keine Rede sein, selbst Mundraub erkannte ich nicht. Das war organisierte Kriminalität, ein Überfall der Affenmafia! Und ich wette darauf: Wenn demnächst einer dieser Affen einen Edding aus einem Rucksack angelt, dann schreibt er damit „Fickt euch!“ auf das Schild.

2. Ein Rhesus-Makake in Agra: Wir hatten das berühmte Taj Mahal besucht und liefen Richtung Agra-Stadt. Ich wollte meine leeren Wasserflaschen in eine Tonne werfen – man freut sich ja, wenn man zwischen all dem Müll auf den Straßen tatsächlich eine Tonne entdeckt. Jedenfalls ging ich auf das Ding zu, da kletterte der Makake auf den Deckel. Er guckte mich mit seinem rosa Gesicht herausfordernd an. Von dieser pubertären Provokation ließ ich mich nicht beeindrucken und kam näher. Schon ließ er einen schrillen Schrei los, zeigte beeindruckende Eckzähne und mir fiel auf, dass die Mülltonne einige Meter weiter viel hübscher war. Ich peilte daher diese an, da hüpfte das Rotgesicht schnurstracks von seiner Tonne hinunter und auf meine neue oben drauf. Und nicht nur das: Aus diversen Richtungen kamen seine Kumpels zusammen. Ich mach’s kurz: Ich habe gekuscht! Das Drecksvieh hat mich dazu gebracht, die leeren Flaschen wieder in meine Tasche zu packen und den Rückzug anzutreten.

Ich weiß, ich weiß: Affen sind ein großes Problem in indischen Städten. Da ihr Lebensraum schrumpft und der Mensch verlockenden Abfall produziert, ziehen sie als marodierende Banden durch die Straßen. Rhesus-Makaken sind berüchtigt dafür, picknickende Familien aus Parks wegzubeißen und ganze Wohnungen auf der Suche nach Essbarem zu verwüsten. Ich weiß natürlich auch, dass meine Rasse zu ihrer Rasse nicht nett war. Ich bin dennoch nachhaltig in meinem Stolz verletzt. Irgendwann werde ich nach Agra zurückkehren, bis an die Zähne bewaffnet, und meinen Müll in eine dieser Tonnen werfen.

3. Ein Hulman-Langur in Pushkar: Nachdem ich über den Markt spaziert war, machte ich eine Pause am See. Kaum saß ich auf der Treppe, kam ein Inder und überreichte mir eine Handvoll getrockneter Kichererbsen. Schwuppdiwupp sprang ein Hulman heran. Da meine bisherigen Erfahrungen mit Affen nicht von gegenseitiger Zuneigung zeugten, bombardierte ich das Tier mit sämtlichen Kichererbsen. Der Affe guckte verwirrt den Mann an, der Mann guckte verwirrt mich an, ich guckte verwirrt den Affen an. Der Mann reichte mir erneut einige Erbsen. Widerstrebend hielt ich dem Affen meine Hand hin. Er setzte sich vor mich, legte seinen beeindruckend langen Schwanz ordentlich neben sich ab und nahm sich höflich eine Kichererbse. Kauend betrachtete er das Treiben am See, dann klaubte er eine weitere Erbse von meiner Hand. Der Inder verabschiedete sich winkend und der Affe und ich verbrachten einige Minuten in stiller Zweisamkeit. Als die letzte Erbse verzehrt war, stand er auf, nickte mir höflich zu und sprang davon.

Hulmane gelten als Inkarnation des Gottes Hanuman und damit als heilige Tiere. Die Inder sind ja nicht erst seit Bollywood berühmt für große Geschichten. Im Nationalepos Ramayana wird erzählt, dass ein Dämon die Gattin von Königssohn Rama entführte. Der kluge Hanuman, General eines Affenheeres, befreite sie. Zur Strafe zündete der Dämon seinen Schwanz an. Hanuman überlebte, aber seitdem sind das Gesicht und die Hände schwarz gefärbt. Als Dank schenkte Rama ihm die Unsterblichkeit. Es gibt verschiedene Varianten des Epos‘. Wie auch immer: Ich überlege gerade, ob ich das mit der Rückkehr nach Agra bleiben lasse und lieber wieder nach Pushkar reise. Der Hulman und ich – ich glaube, das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

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