Silvesterkinds Zeitreisen – 1599/ London

3 Jul

Ich bin mal gefragt worden, mit wem ich am liebsten verreisen würde. Da fiel mir auf: Die sind alle schon tot. Reisen durch die Zeit – das wär’ was! Da die nach meinem derzeitigen Kenntnisstand noch nicht möglich sind, denke ich sie mir halt aus. Wer Lust hat, bei Silvesterkinds Zeitreisen mitzumachen, melde sich bei mir!

London, Themseufer, ein Nachmittag im Jahre 1599

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Ein Traum wird wahr. Ich bin in Bankside im Globe Theatre. Heute Mittag ist die Premiere von „Henry V.“. Ich liebe dieses Stück. Okay, manchmal ist es ein bisschen nationalistisch, aber irgendwie hat es was. Ich gucke mich um: Die Logen sind gut gefüllt, vermutlich mit lauter Promis, die ich alle nicht kenne. In diesem klitzekleinen Theater drängen sich locker 2500 Menschen. Jeder deutsche Ordnungsbeamte würde umgehend eine Herzattacke bekommen. Wo Shakespeare wohl ist? Ich würde zu gerne einen Blick auf ihn werfen.

„O for a Muse of fire, that would ascend
The brightest heaven of invention,
A kingdom for a stage, princes to act
And monarchs to behold the swelling scene!…“

Der Chor ist da, es geht los, wie aufregend! Ich kämpfe mich durch bis zur Bühne. Dort stütze ich mich mit den Ellbogen ab und bekomme den Mund kaum noch zu vor lauter Staunen. Wenn ich wollte, könnte ich die Chorsprecher vor mir an den Füßen kitzeln, hihihi! Ich schnappe mir einen Strohhalm, da treffen mich einige Regentropfen. Ich lasse den Halm wieder fallen und gucke nach oben. Dunkle Wolken und unzählige Möwen kreisen über uns. Was soll’s, mich bekommt hier nichts und niemand wieder weg – zumindest nicht, bevor nicht die Schlacht von Agincourt war. Auftritt König Heinrich…

„My learned lord, we pray you to proceed
And justly and religiously unfold
Why the law Salique that they have in France…“

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Ich bin begeistert. Auch wenn ich nicht alles verstehe, weil meine Nachbarn so laut reden. Dass dieses Theater in der Nachbarschaft von Bordellen, Tierkampfarenen und Spelunken steht, scheint manchem zu suggerieren, er könne sich alles erlauben. Seit einer Viertelstunde schubst mich mein stinkbesoffener Nebenmann herum und latscht mir auf die Füße. Sicherheitshalber gucke ich nur böse und sage nichts. Ich habe keinen Schimmer, was diese Halbwilden tun, wenn sie merken, dass ich Deutsche bin. Oder verstehen wir uns 1599 gut mit den Engländern? Leckomio, warum habe ich im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst?

„…come, let’s away. My love, give me thy lips.
Look to my chattels and my movables:
Let senses rule…“

Jetzt hängt der Depp mir auch noch ein Paar Kirschen ans Ohr – hat der sie noch alle? Das ist zu viel! Ich nehme die Früchte und werfe sie ihm an den Kopf. Er schreit wutentbrannt irgendwas in diesem Altenglisch und schon schnappen mich zwei Typen und zerren mich über den kompletten Yard zu einem der Ausgänge. Ich wehre mich, aber prompt liege ich zwischen Nussschalen und Kirschkernen im Dreck.

Ich bin stinksauer! „Meine nächste Zeitreise geht nach Irland, zu einer Premiere von Brendan Behan!“, schreie ich so laut, dass dem auftretenden französischen König die Krone auf dem Kopf wackelt. „Und übrigens: Im Jahr 2014, da fliegt ihr in der Gruppenphase aus der Fußball-WM, ihr Luschis!“ Dann mache ich mit der Zunge ein Pupsgeräusch und renne, so schnell mich meine Füße tragen.

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