Silvesterkind schmökert sich um die Welt – Kapitel 1

28 Jun

Urlaubslektüre – gehört in den Reiserucksack wie der Pass und die Durchfalltabletten. Ich nehme gerne Bücher mit, die im Reiseland spielen oder von einem einheimischen Autor stammen. Es steigert das Leseerlebnis, wenn man am Ort des Geschehens ist und nebenbei findet man über die Literatur einen eigenen Zugang zum Land und seiner Kultur. Aber ich sage es ganz offen: Ich mache es mir gerne einfach. Als Magistra der Literaturwissenschaft weiß ich, dass das Lesen mancher Texte harte Arbeit ist – und wer will im Urlaub arbeiten? Hier einige Schmökertipps, die nicht unbedingt im Kanon der Weltliteratur stehen, aber tolle Reisegefährten sind:

Baracoa_Kuba

1. Kuba – „Bevor es Nacht wird“ von Reinaldo Arenas: Gibt es noch ein Leben wie das von Arenas? Unvorstellbar. Der 1943 geborene Kubaner vereinte zwei Dinge, die im Regime von Fidel Castro undenkbar waren: Er war schwul und ein Freigeist. Er schrieb seine Texte teils auf Bäumen und lebte in Erdlöchern. Er schmuggelte seine Bücher ins Ausland und schaffte nach vielen Fluchtversuchen selbst die Ausreise. Er fand kein Leben in der Heimat und keines in der Fremde: 1990 brachte er sich um. „Bevor es Nacht wird“ ist ein autobiografischer Roman, der einen umwerfen kann. Er ist leidenschaftlich und nüchtern, mitreißend und abstoßend, zärtlich und brutal, beängstigend und urkomisch, unschuldig und völlig versaut. Er hat Elemente des typisch lateinamerikanischen magischen Realismus, der die grausame Wirklichkeit plötzlich ins Absurde weiterspinnt. Man kann dieses Buch nicht lesen, ohne tief bewegt zu sein. Schon gar nicht, wenn man gerade selbst auf Kuba ist und Gefahr läuft, sich von der Karibikschönheit besoffen machen zu lassen. Arenas‘ Buch ist der Schwall Wasser, der einen wieder zur Besinnung bringt.

2. Indien – „Der Gott der kleinen Dinge“ von Arundhati Roy: Hauptfigur des Romans ist die eigensinnige Rahel, die nach langer Abwesenheit in ihre Heimat Indien und ins Haus der Familie zurückkehrt. Kurz zuvor ist auch ihr Bruder Estha dort eingetroffen. Die beiden sind Zwillinge – grundverschieden und doch eins. Um sie herum spinnt Roy ein manchmal hochdramatisches, manchmal sehr witziges Familienepos, das viele Themen aufgreift und erklärt, die gerade Touristen fremd erscheinen: Kastensystem, Pantheismus, Kolonialismus… Der Inhalt des Buches ist vermutlich für diejenigen, die so gar keine Ahnung von diesem riesigen und vielfältigen Land haben, nicht leicht zu verstehen. Auch der Aufbau verlangt einem mit zahlreichen Zeitsprüngen und Vorausahnungen einiges an Konzentration ab. Aber die Sprache ist ein Genuss! In diesem atmosphärischen, bildgewaltigen und poetischen Roman stehen Sätze von solcher Schönheit, dass man mit Begeisterung zurückblättert, um sie noch mal zu genießen. Und dann noch mal.

3. Namibia – „Die Stunde des Schakals“ von Bernhard Jaumann: Anton Lubowski – kennt bei uns wahrscheinlich kein Mensch. Er ist so etwas wie der Olof Palme von Namibia. Lubowski war Anwalt und politischer Aktivist und wurde wenige Monate vor der Unabhängigkeit Namibias 1989 ermordet. Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt. Genau das hatte sich der Deutsche Bernhard Jaumann leicht größenwahnsinnig vorgenommen und ist daran, wie er selber sagt, „grandios gescheitert“. „Die Stunde des Schakals“ ist daher ein Thriller und kein Tatsachenbericht. Er erzählt von düsteren und längst nicht verarbeiteten Jahren dieser noch jungen Demokratie. Jaumanns Variante der Wirklichkeit ist sicher spannend für all jene, die sich nicht nur für die Naturschönheit dieses faszinierenden Landes interessieren. Und das Beste ist: Anscheinend plant der Autor eine Serie. Zumindest geht der Leser auch in „Steinland“ wieder mit der Kriminalinspektorin Clemencia Garises aus Katutura auf Recherche.

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2 Antworten to “Silvesterkind schmökert sich um die Welt – Kapitel 1”

  1. fraeuleinimmerglueck 02/07/2014 um 10:03 am #

    Vielen Dank für die Tipps! Den Gott der kleinen Dinge fand ich auch toll und die anderen beiden Bücher klingen super! Ich lese unterwegs auch gern Romane, die an meinem Reiseziel spielen oder eine Verbindung dazu haben – Auf „Bevor es Nacht wird“ bin ich jetzt erst nach meinem Kuba-Trip gestoßen, aber das kann man ja auch nachholen ;-).

    • silvesterkind 02/07/2014 um 12:18 pm #

      Unbedingt nachholen! Ich fand das Buch wirklich klasse. Es ist schon starker Tobak, völlig übersexualisiert und manchmal ein bisschen eklig – aber es platzt vor Energie und Leidenschaft und irgendwie auch vor Heimatliebe.

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