Die Idar-Obersteiner – höchstpersönlich

19 Mai

dna

Es ist lange her, aber ich bin nicht darüber weg: Ein Jahr habe ich in Idar-Oberstein gelebt. Als Volontärin habe ich damals meine Verzweiflung über den Landkreis des Grauens als “Nachrichten aus Death Valley” an meine Freunde in der Zivilisation geschickt. Kürzlich sind mir meine Lamenti wieder untergekommen – und da der Kreis Birkenfeld nicht an Charme gewonnen hat, dachte ich: Rein damit ins Blog! Übrigens existiert aus dieser Zeit kein Foto, ich male daher was.

Sommer 2005, Landkreis des Grauens

Die Menschen in Idar-Oberstein sind… öhhh… besonders!? Ich kenne die genealogischen Linien in dieser Stadt nicht im Detail, aber ich vermute, dass ein Wissenschaftler bei der Untersuchung des Genpools erstaunliche Entdeckungen machen würde. Natürlich sind nicht alle (*) verrückt, manche sind nur ein wenig wunderlich – wie Herr Popp und Herr Grün.

Ein Mann mit Präsenz

Herr Popp ist Vorsitzender eines Vereins und steht daher in regem Kontakt mit der Redaktion. Herr Popp kann per Fax, Telefon und in Person ein solches Maß an Penetranz entwickeln, dass man schnell bereit ist, ihm sämtliche Aufmacher zu widmen, in der Hoffnung, dass man danach Ruhe hat. Ich durfte ihn bei einem Termin in der Rilchenberg-Kaserne kennenlernen. Er hat mich 15-mal gefragt, wie ich heiße und mich konsequent mit Frau „Schäfer“ angesprochen. Ich musste mich sehr beherrschen, ihn nicht als „Herr Popo“ anzureden, aber die geballte Waffengewalt der IV. Inspektion hat mich abgeschreckt.

Der Termin verlief dennoch gut, war unspektakulär und schnell geschrieben. Der Artikel war in keinster Weise was Besonderes, dennoch habe ich mit diesen Zeilen Herrn Popps Herz im Sturm erobert. Seither begrüßt er mich mit Handkuss und beschwert sich, dass man so schwer an mich herankäme, weil vor meinem Schreibtisch eine große Palme steht. Was bin ich froh um das Grünzeug. Eigentlich müssten da auch noch ein paar Kakteen hinpassen.

Ein Mann mit Auftrag

Herr Grün läuft immer ganz schnell mit seiner Aktentasche durch die Stadt, was zeigt, wie ungeheuer beschäftigt er ist. Er trägt gern eine khakifarbene Weste mit vielen Taschen, in denen er wichtige Dinge verstaut. Ganz sicher könnte er mit ihnen aus dem Stand einen Jumbo zusammenbauen oder eine Operation am offenen Herzen durchführen. Jeder Besuch von ihm läuft gleich ab: Sobald Herr Grün im Raum ist, entwickeln meine Kollegen eine beachtliche Geschäftigkeit. Plötzlich müssen alle aufs Klo, in die Küche oder suchen etwas unterm Tisch.

Jedenfalls hat sich Herr Grün vor Jahren selbst als Fotograf bei der Zeitung angestellt. Das war nicht nötig, das wollte auch keiner, aber er hat sich entschieden, das zu ignorieren. Das heißt, sobald irgendwo was los ist, denkt er, er hätte einen Auftrag, macht ein Bild und kommt vorbei:

  • Grün: „Ich habe da am Wochenende mal ein Foto gemacht.“
  • Sabine: „Ach, Herr Grün, das ist doch gar nicht nötig.“
  • Grün: Gucken Sie mal, das ist doch richtig gut.“
  • Sabine: „Wer und was ist denn das?“
  • Grün: „Ja, ach so, das weiß ich jetzt auch nicht mehr so genau. Auf jeden Fall in Algenrodt.“
  • Sabine: „Aber Herr Grün, ein paar Infos brauchen wir schon. Was sollen wir denn in die Unterzeile schreiben? Falls es das Sportfest war, dann hatten wir dort eh einen Fotografen.“
  • Grün: „Ja? Den hab ich aber gar nicht gesehen.“
  • Sabine: „Das kann ja sein, die sind ja manchmal schnell wieder weg.“
  • Grün: „War wirklich jemand da? Ich hab da keinen gesehen.“
  • Sabine: „Ganz sicher, Herr Grün, ich hab die Fotos auch schon angeguckt.“
  • Grün: „Das ist doch aber komisch, dass mir da niemand aufgefallen ist. Sind Sie sicher?“
  • Sabine: „Herrrrrrrr Grrrrrrrrün, Sie können mir vertrauen. Wir haben Bilder.“

Man muss sich vorstellen, das alles geschieht morgens um 9 Uhr vor dem ersten Kaffee, direkt vor der Konferenz, während die Telefone klingeln und sich Herrn Grüns duftintensives Eau de Toilette den Raum erobert. Ich bin sicher, dass Sabine bei der nächsten Unterhaltung dieser Art Herrn Grün mit ihrer Tastatur attackiert. Um ihre weitere Karriere mache ich mir dennoch keine Sorgen. Vermutlich waren gerade wieder alle auf dem Klo, in der Küche oder unterm Tisch und keiner hat was mitbekommen.

(*) Alle Namen geändert.

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