Coiffure à l’Idar-Oberstein

26 Apr

 

deathvalley3

Es ist lange her, aber ich bin nicht darüber weg: Ein Jahr habe ich in Idar-Oberstein gelebt. Als Volontärin habe ich damals meine Verzweiflung über den Landkreis des Grauens als “Nachrichten aus Death Valley” an meine Freunde in der Zivilisation geschickt. Kürzlich sind mir meine Lamenti wieder untergekommen – und da der Kreis Birkenfeld nicht an Charme gewonnen hat, dachte ich: Rein damit ins Blog! Übrigens existiert aus dieser Zeit kein Foto, ich male daher was.

Sommer 2005, Landkreis des Grauens

Ich hatte mir fest vorgenommen, es nicht zu tun. Nicht hier in Idar-Oberstein. Aber es war ein Notfall: Noch niemals musste jemand so dringend zum Friseur wie ich. Es musste sofort geschehen. Umgehend! Also schnappte ich mir mein Handtäschchen und rannte aus dem Büro.

Für meine Skepsis gegenüber Idar-Obersteiner Haarschneidekunst gab es zwei gute Gründe:

  1. Eine Dame aus der Verwaltung, die ich kennenlernte, als ich meinen Zweitwohnsitz anmeldete. Jedes ihrer krass blondierten Haare hatte die Form einer exakten mathematischen Geraden. In ihrer Gesamtheit standen sie halbkreisförmig vom Kopf ab, ähnlich einem Strahlenkranz. Ich sah den Superlativ von „toupiert“. Das ganze Ensemble erinnerte mich an frühägyptische Darstellungen des Sonnengottes.
  2. Die Bedienung in einem Café in der Innenstadt. Ihre Haare waren schokoladenbraun mit graugelbem Ansatz, der nach ranziger Butter aussah. In Feinarbeit hatte sie einzelne Strähnen in Wellen gelegt, den Hinterkopf dabei aber völlig vergessen. Zum Ende hin verjüngten sich die Strähnen in Außentollen, die einen Gruß in alle Himmelsrichtungen schickten und mich spontan an die 50er denken ließen.

Ich rannte also aus dem Büro und in den nächstgelegenen Friseurladen. Fast wollte man mich abweisen, aber ich warf mich auf den Boden und trommelte mit Händen und Füßen auf die Fließen. Das wirkte! Zwei Angestellte führten mich zu einem Stuhl, brachten mir Kaffee und versprachen, sich gleich um mich zu kümmern. Langsam beruhigte sich mein Puls und ich fing an, meine Umgebung wahrzunehmen. Plastikefeu schmückte die Ecken. Die Angestellten, die mir gerade noch wie engelsgleiche Retter meines Seelenheils vorkamen, schienen mir plötzlich sehr jung. Zu jung für diese verantwortungsvolle Tätigkeit. Außerdem hatten beide Mädchen mindestens drei wildgewordene Haarfarben auf dem Kopf. Die Frisuren sahen aus wie die von diesen grässlichen Plastik-Regenbogen-Ponys, die es in meiner Kindheit gab. Um keinen Preis wollte ich so aussehen! So dringend war es mit dem Haarschnitt nun doch nicht.

Ein Vokuhila in acht Farben

Gerade wollte ich die Flucht antreten, als man mir hinterrücks einen Umhang umwarf und mich in den Stuhl zurückzog. Widerstand war zwecklos. Zur Ablenkung griff ich einen Frisurenkatalog. Ich dachte, mit einem praktischen Beispiel sollten die zwei Ponys doch klarkommen. Also schlug ich das Buch auf und wen sah ich? Boy George! Im Geiste sah ich mich mit einem Vokuhila in acht Farben und toupiertem Pony – ein ästhetischer Supergau. Schon kam die Jüngere der Friseurinnen auf mich zu und schob ihre Monsterfingernägel geradewegs in mein Gesicht.

Offensichtlich wollte sie mir meine Brille abnehmen. Meine Brille! Die trage ich seit dem Kindergarten und, zur Hölle, mit gutem Grund: Ohne Brille nehme ich nur noch Bewegung wahr. Und nicht nur das: Ich leide an einer merkwürdigen Form der Synästhesie: Sobald ich nichts mehr sehe, habe ich auch keine anderen Sinneswahrnehmungen mehr. Der Satz „Mach’s Licht an, ich hör nix“ ist mir zuzutrauen. Doch schon zog sie mir die Gläser weg und die Welt verschwand in nebligem Schweigen…

Als ich wieder erwachte, versperrte mir ein Bundeswehrsoldat den Blick in den Spiegel. Der Schuft hatte sogar meine Brille auf! Doch plötzlich erkannte ich mit Schrecken meine eigenen Gesichtszüge unter dieser fremden Frisur. Ich zahlte und ging. Mittlerweile habe ich wieder Spaß am Leben. Aber wenn ich die Damen aus der Verwaltung und dem Café sehe, dann zwinkern sie mir zu, als würde uns etwas ganz Besonderes verbinden.

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5 Antworten to “Coiffure à l’Idar-Oberstein”

  1. Frau Shmooples 26/04/2014 um 2:10 pm #

    Oh, das Gefühl kenne ich…
    Seit ich in Irland bin wuchern meine Haare ins unermesslich unästhetische. Aber bei Friseuren war ich schon immer skeptisch und so harre ich hier aus und dem Ende meines Aufenthaltes entgegen, um so schnell wie möglich den Weg zu meinem Friseur des Vertrauens in Deutschland einzuschlagen. Das ist echt hart ^^”

    • silvesterkind 26/04/2014 um 2:22 pm #

      Ich habe (mittlerweile) zwar auch eine gute Friseurin, aber ich erlebe jedes Mal dasselbe Phänomen. Direkt nach dem Schnitt (meine Haare sind sehr kurz) finde ich die Frisur schlimm, erst am nächsten Tag nach dem Haarewaschen und Selberstylen finde ich sie super. Ist das im ersten Moment der Schock, weil einem was weggenommen wurde?

  2. Gio_rnalista 26/04/2014 um 11:46 pm #

    Liebe Alex,

    du warst in Idar-Oberstein zum Volo? Ach herrje, das wusste ich gar nicht! Ganz schön mutig, dort zum Frisör gegangen zu sein. Ich bekomme auch jedesmal die Krise, wenn ich zum Frisör in einer fremdem Stadt muss. Vor allem, wenn es ans Schneiden des Ponys geht. Ich hab sich schon Meister einen Zacken aus der Krone brechen sehen. Ich glaube, es ist erst Zweien gelungen, mich zufrieden zu stellen. Ab und zu hab ich auch mal Tränchen verdrückt, als ich wieder zuhause war. Ich glaube, das wirklich schreckliche nach einem Frisörbesuch ist, dass man verkraften muss, nicht so auszusehen wie in seiner Vorstellung. Ich bin wirklich noch nicht dahinter gestiegen. Aber ich arbeite daran.

    Alles Liebe
    Gio_rnalista

    • silvesterkind 27/04/2014 um 10:33 am #

      Klar, dass du das mit Idar-Oberstein nicht wusstest – die schlimmen Sachen erzählt man ja auch nicht. 😉

  3. Hoellin 07/03/2015 um 4:49 pm #

    Zur Verteidigung: Es gibt durchaus fähige Friseure in I.-O…das sind aber Geheimtipp und werden nicht an „fremde“ (aka „zugezogene“ – den Status behält man min 20 Jahre) weitergegeben…. Da hilft nur rumprobieren, bis man den richtigen gefunden hat. Ich hab das Problem aber auch immer in einer neuen Stadt…..ist wohl nicht I-O spezifisch

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