Leben und Sterben in Idar-Oberstein

17 Apr

deathvalley2

 

Es ist lange her, aber ich bin nicht darüber weg: Ein Jahr habe ich in Idar-Oberstein gelebt. Als Volontärin habe ich damals meine Verzweiflung über den Landkreis des Grauens als “Nachrichten aus Death Valley” an meine Freunde in der Zivilisation geschickt. Kürzlich sind mir meine Lamenti wieder untergekommen – und da der Kreis Birkenfeld nicht an Charme gewonnen hat, dachte ich: Rein damit ins Blog! Übrigens existiert aus dieser Zeit kein Foto, ich male daher was.

Frühsommer 2005, Landkreis des Grauens

Ich bin wirklich nicht zimperlich bei Viehzeug. Schließlich komme ich vom Land und bin die Tochter eines Biolehrers. Ich konnte das Wort „Kartoffelkäfer“ aussprechen, bevor ich „Mama“ sagen konnte. Es ist nicht so, dass ich Angst vor Spinnen, Maden, Käfern, Würmern, Motten und ähnlichem Getier hätte. Ich mag sie nicht. Das Insektenzeug hat zurecht seinen Platz in der Nahrungskette weit unter mir. Ich bin intelligenter, schöner, größer – im Notfall setze ich mich einfach drauf.

Seit ich im Landkreis des Grauens lebe, sehe ich mich genötigt, die Krabbler in ihre Schranken zu weisen. Ich wohne am Ortsrand, zwischen mir und dem Wald plätschert ein Bach. Um mich herum herrscht ein widerliches Maß an Fruchtbarkeit. Und die vielbeinige Brut erkennt mich nicht als Alleinherrscher dieses Territoriums an. Mehrfach am Tag schlage ich in meiner Wohnung Spinnen tot. Kampfname: „Triple A“ (Anti-Arachno-Alex).

Jetzt ist Schluss mit lustig

Vor kurzem war das Maß des Erträglichen aber voll. Ich war gerade zu Bett gegangen, da hörte ich im Wohnzimmer Schritte: „Trappel-trappel-trappel…“ Natürlich war es mit der Nachtruhe vorbei, in mir erwachte die Blutgier. Ich also aufgestanden, um das Vieh inflagranti zu stellen. Schockschwerenot! Ein Käfer von prähistorischen Ausmaßen! Kurz habe ich überlegt, ob ich gerade eine ausgestorben geglaubte Tierart wiederentdeckt habe und bald berühmt werde. So wie damals der Typ mit dem Quastenflosser…

Egal, mir war gleich klar, dass ich das Vieh nicht einfach erschlagen konnte, denn das hätte ernste Folgen für Boden und Tapete gehabt. Also habe ich ein Glas darüber gestülpt und es draußen im Bach ertränkt. Das sollte eine Warnung an die tausend Insektenaugen sein, die mich bei dieser Hinrichtung vom Gebüsch aus beobachteten und konspirativ neue Anschläge gegen mein Seelenheil planten. In dem Moment wurde mir klar, dass ich mit psychologischer Kriegsführung und militärischer Präzision am weitesten kommen würde. Von da an habe ich die von mir erlegten Insekten nicht einfach entsorgt, sondern zur Warnung für Ihresgleichen rund um mein neues Heim ausgelegt. Im Sinne guter Hausgemeinschaft habe ich auch meinen Nachbarn einige Leichen auf die Türschwellen gelegt. An den Freudeschreien habe ich bemerkt, wie sehr sie meinen Einsatz zu schätzen wissen.

Angriff ist die beste Verteidigung

Aber ich musste noch weiter gehen, kein feindlicher Eindringling sollte mir entwischen. Heute nach Feierabend habe ich auf dem Heimweg am Krankenhausparkplatz gestoppt und mir zur Tarnung das Gesicht mit Erde verschmiert. Zu Hause angekommen öffnete ich leise die Haustür, schlich im Dunkeln zu meiner Wohnung und schloss lautlos auf. Es zählte der Überraschungseffekt! Jetzt begann die eigentliche Kampfhandlung! Ich knipste das Licht an und brüllte mir die Seele aus dem Leib, den Viechern sollte das Chitin im Panzer gefrieren. Und da sah ich sie auch schon: Angsterfüllt liefen die Spinnen und Käfer Richtung Unterschlupf – das war der richtige Moment!

Schon flog der erste Schlappen – KRACH – sofort der zweite hinterher – KAWUMM – und dann warf ich mich selbst ins Wohnungsinnere, robbte pfeilschnell über den Boden und schlug mit allem, was mir in die Finger kam nach allem, was sich bewegte! HAH! ICH KANN AUCH ANDERS !!! Natürlich dachte ich auch hier an meine lieben Hausbewohner, riss die Wohnungstür auf und brüllte: „GENOSSEN! BRÜDER! PLANQUADRAT UNTERGESCHOSS BE-FREIIIIIIT !“

Zwei Minuten später kam die Polizei. Meine Nachbarn hatten sie gerufen. Sicher mit dem Hintergedanken, dass die Ordnungshüter sich von mir was abgucken sollen. Sie haben mich auch direkt mitgenommen und ganz genau befragt. Von der Wache aus schreibe ich gerade. Wie wunderbar, dass die Idar-Obersteiner Polizisten bereit sind, von meinen innovativen Methoden zu lernen. Ich soll sogar über Nacht bleiben. Nur das Bett ist ein wenig hart…

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3 Antworten to “Leben und Sterben in Idar-Oberstein”

  1. Betrachterauge 18/04/2014 um 2:23 pm #

    Aber Vorsicht beim Einsatz von chemischen Waffen gegen die Ungeziefer – sonst kann es schwere internationale Folgen haben!

    • silvesterkind 18/04/2014 um 2:29 pm #

      Keine Sorge, ich mag Handarbeit! Ich möchte aber erwähnen, dass ich seit meinem Wegzug aus dem Landkreis des Grauens wieder deutlich gelassener durchs Leben gehe.

  2. Volker Wild 05/04/2017 um 5:56 pm #

    Hallo, als alter echter Exil Irada kann ich das alles gut nachvollziehen. Deshalb bin ich mit 18 auch weg.
    Sehr humorvoll geschrieben.
    Viele Grüße V.

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