Der Hunsrück – unendliche Weiten

14 Apr

deathvalley1

Es ist lange her, aber ich bin nicht darüber weg: Ein Jahr habe ich in Idar-Oberstein gelebt. Als Volontärin habe ich damals meine Verzweiflung über den Landkreis des Grauens als „Nachrichten aus Death Valley“ an meine Freunde in der Zivilisation geschickt. Kürzlich sind mir meine Lamenti wieder untergekommen – und da der Kreis Birkenfeld nicht an Charme gewonnen hat, dachte ich: Rein damit ins Blog! Übrigens existiert aus dieser Zeit kein Foto, ich male daher was.

Frühjahr 2005, Landkreis des Grauens

Ich hatte meinen ersten Außentermin. Ziel war ein beschauliches Örtchen namens Hottenbach, das etwa 17 Kilometer von Idar-Oberstein entfernt liegt. Die besorgten Fragen meiner Kollegen, ob ich den Weg finden würde, habe ich mit einem Lachen abgetan. Haha, also bitte! Ich habe mir den Weg per Routenplaner rausgesucht und mich siegessicher in meinen türkisfarbenen VW-Polo namens Klausklaus geworfen.

Was soll ich sagen? Ich vermute, es waren etwa 300 Kilometer Umweg. Dieser bekloppte Routenplaner hat mich in die Irre geführt. Mit dem findet man vielleicht vom Mainzer Hauptbahnhof zum Bruchwegstadion, aber den unendlichen Weiten des Hunsrücks ist dieser Milchbubiverein nicht gewachsen.

Schockschwerenot, ein Fremdling!

Also bin ich in einem Dorf namens Oberhosenbach mit Klausklaus in den erstbesten Hof eingefahren, um nach dem Weg zu fragen. Nur zur Kenntnis: Die Eingeborenen sind nicht an Fremde gewöhnt und alles an mir schreit „Nicht von hier!“ Ich hatte für einen Moment den Eindruck, dass sich der Landwirt bekreuzigt hat, als ich auf ihn zugesteuert bin. Er war aber sehr hilfsbereit und hat mir geraten, einen Landwirtschaftsweg zu nehmen, der sei eine tolle Abkürzung.

Mein lieber Herr Gesangsverein, im Landkreis des Grauens gibt es Feldwege mit solch einer Steigung, dass Klausklaus jede seiner 45 PS dringend braucht. Seit ich in dieser Gegend war, habe ich eine Ahnung, was die Buddhisten mit Nirvana meinen. Im Falle einer Panne würde man nicht mal meine Leiche finden. Ich hatte eine Vision: In zehn Jahren würde die Polizei meinen Eltern raten, die Suche nach mir einzustellen. Auf dem Friedhof würden sie eine kleine Gedenktafel anbringen: „Alex – verschollen im Hunsrück“.

Plötzlich sind aber die Dächer von Hottenbach vor mir aufgetaucht und ich wusste, es würde nicht so weit kommen. Nur eine Kurve noch und ich wäre über der Ortsgrenze. Ich in die Kurve und voll auf die Bremse. Ich war völlig perplex: ein Büffel! Ein Rindvieh mit Zottelhaaren hat mich angeguckt und ist dann einfach weggelaufen. Tief erschüttert bin ich weitergefahren.

Der Hot Spot von Hottenbach

Für meinen Termin war ich trotz Irrfahrt noch zu früh. Da das Wetter zum Spazierengehen zu schlecht war, habe ich die Dorfkneipe mit meiner Anwesenheit beehrt. Der Wirtin, mindestens 108 Jahre alt, ist bei meinem Anblick vor Schreck fast das Salamibrot aus der Hand gefallen. Im Nachhinein bin ich froh, dass sie keinen Schlaganfall bekommen hat.

Sie hat gefragt, was ich wolle. Das hat mich stutzig gemacht. Ich wusste nicht, ob sie eine prinzipielle Erklärung für mein Dasein wünschte oder meine Bestellung. Aus Vorsicht habe ich nur ein Wort gesagt: „Kaffee“. Das wiederum hat sie ganz aus der Fassung gebracht, Kaffee hat’s bei ihr nämlich noch nie gegeben. In irgendeiner Schublade hat sie aber ein Päckchen Cappuccino-Pulver gefunden und das hat sie mir aufgebrüht. Wir haben dann zusammen „Ein Fall für zwei“ geguckt und alles war gut.

Natürlich haben die Kollegen am nächsten Tag nach meinem Termin gefragt. Ich hatte etwas Hemmungen, den Büffel zu erwähnen. Ich wollte ja nicht unter den Verdacht des Drogenmissbrauchs geraten. Nach lautem Gelächter haben sie mir dann aber ganz locker erzählt, dass in Hottenbach ein Bauer schottische Hochlandrinder züchtet und denen bin ich wohl begegnet. Ich bin jetzt unsicher, ob ich mich mehr über die Rinder an sich wundern soll oder darüber, dass meine Kollegen so was wissen.

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5 Antworten to “Der Hunsrück – unendliche Weiten”

  1. Bardo Faust 14/04/2014 um 9:35 pm #

    Alex. Du solltest diese Erlebnisse dringend AUCH mal mit einem Therapeuten aufarbeiten. Dringend. Bevor es zu spät ist.

  2. nöthen 14/04/2014 um 9:43 pm #

    Erinnert mich an meine Zeit im Westerwald. Orstbeiratssitzung im Buckfinkenland, in Horbach. Kleiner Raum. Alle kennen sich. Nur ich kenne keinen. Das wissen auch die anderen. Am Ende der Sitzung bleibt beim Verlassen des Raums ein Mann bei mir stehen. Er nickt kurz. „Westerwälder?“ fragt er mich mit landestypischem Singsang. Treffer versenkt, denke ich, „also nicht direkt…“ beginne ich verbal zu schwimmen. Mehr will er gar nicht hören. Er stößt einen verächtlichen Laut aus, der an das Geräusch erinnert, das man beim Hochziehen eines dicken gelb-grünen Rotzekonglomerat aus den Tiefen der Eingeweide für gewöhnlich macht. Und geht einfach an mir vorüber. Nett, die Menschen, hier.

    • Bardo Faust 14/04/2014 um 9:53 pm #

      …..auch Du, Kollege Nöthen. Auch Du.

  3. silvesterkind 14/04/2014 um 10:00 pm #

    Ich sag’s euch, das wäre ein Bestseller: Volontäre von regionalen Tageszeitungen über ihre ersten Termine berichten lassen. Bardo, du darfst dann gern über deinen ersten Auftrag in der Stadt schreiben. So als Gegenpol. Übrigens: Im nächsten Hunsrück-Reloaded-Beitrag kommt zwar kein Therapeut, aber immerhin die Polizei ins Spiel.

    • Bardo Faust 14/04/2014 um 10:04 pm #

      Alex. Wie Du immer so arrogant sein kannst? Aus Flomborn! Du! Möchtegernstädterin. Aber ich werde Dich stellen. Immer. Überall. Ich lasse Dich nicht aus!

      Bin gespant auf die Polizeistory……

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