Shinda oder Die Suche im indischen Heuhaufen

6 Feb
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Foto: Andreas Nöthen

[Ein Gastbeitrag von Andreas Nöthen – Insight World Music]

Worldmusic. Schinder? Oder Shinda? Zhinda? Der kleine Mann in dem kleinen vollgestopften Plattenladen irgendwo in Delhi schaut mich fragend an. Er schüttelt den Kopf. Der Laden ist zwar klein, aber voll bis unter die Decke. Eine Systematik? Fehlanzeige. Selbst suchen? Wo anfangen? Mir bleibt nur übrig zu fragen, und den Namen hoffentlich richtig auszusprechen: Sukshinder Shinda – so habe ich es mir notiert. Ich halte ihm den Zettel unter die Nase. Und draußen vor der Tür wartet hoffentlich noch mein Taxi.

Es war in einem Hotel in Bangalore. Ich zappte durch die indischen TV-Kanäle. Bei MTV India blieb ich hängen, ein Programm, das mir halbwegs vertraut erschien. Ein bärtiger Sänger mit Turban, offensichtlich ein Sikh, sang. Oder besser: Er schrie. Er gab alles. Ungeheuer kraftvoll erschien mir das, was er mit seiner Band, ebenfalls alles Sikhs, performte. Eine atemberaubende Mischung aus Riki-tiki-tiki-Punjabi-Bhangra-Musik und Hiphop, Rap und Bollywood-Soundtrack. Ich horchte auf. Notierte mir den Namen. Beschloss, mich am nächsten Tag in der 30-Millionen-Metropole auf die Suche nach der CD zu begeben. „Living A Dream“ lautet der Titel.

Vor dem Hotel wartete ein Taxi. Eigentlich mehrere, ziemlich viele. Sobald man als Europäer das Hotel verlässt, wird man angesprochen. „Need a cab, mister?“ oder „Tuktuk, mister?“ Dass ich ausgerechnet das Taxi des Mannes aus dem Norden Indiens wählte, war purer Zufall. Aber der Mann, der tagein tagaus im Verkehrswahnsinn für seine Familie sein Leben riskierte, erwies sich als ausgesprochener Glücksgriff. Mal wieder.

Foto: Andreas Nöthen

Foto: Andreas Nöthen

Er reichte mit einen zerfledderten “Lonely Planet”. „Sightseeing, Sir?“, fragte er und steuerte durch einen Wust an Radlern, Tuktuks, Motorrädern mit vier oder mehr Personen und zerschranzten Autos. Und hupte nach Kräften. Ganz wichtig im indischen Verkehr: hupen. Achtung, aufgepasst! Oder: Vorsicht, ich biege um die Ecke! Immer wird gehupt. Ich möchte nicht ausschließen, dass die Inder eine Art Code anwenden. Wahrscheinlicher ist, dass sie einfach drauflos hupen. Ich hatte eine Mission. Ich wollte die CD finden. Und ich hatte einen Tag Zeit. Was wohl das Taxi kosten würde? Es würde schon gehen, dachte ich.

„Was empfehlen Sie, Sir?“, fragte ich, denn ich hatte keinen Schimmer von Delhi. Wir begannen unsere Rundfahrt im kolonialen Regierungsviertel: Paläste hinter dicken Mauern, bettelarme Menschen, die wie tot auf dem Gehweg lagen und schliefen. Eines lernte ich schnell: Indien ist zwar riesig, aber Musikläden groß wie Kaufhäuser sucht man vergebens. Kein HMV-Megastore, kein Dussmann wie in der Friedrichstraße in Berlin oder ein Warehouse wie an der V&A Waterfront in Kapstadt. Plattenläden erkennt man von außen fast gar nicht. Sie sind klein, schmucklos und chaotisch.

Mein Fahrer kannte eine kleine Straße, in der gleich mehrere Läden nebeneinander lagen. Das müsste doch mit dem Teufel zugehen, dacht ich. Und das tat es auch. Überall Schulterzucken, Kopfschütteln, ratlose Blicke. Weil ich mich irgendwie schlecht fühlte und um nicht ganz mit leeren Händen ins Hotel zurück zu müssen, kaufte ich eine Compilation mit Punjabi-Musik. Es wollte mir nicht in den Sinn. Dieser Shinda bekommt MTV Awards und niemand hat den Namen je gehört? Ob es in Deutschland Besitzer von Plattenläden gibt, die Adele oder Lady Gaga nicht kennen? Nicht mögen, klar; auch nicht im Sortiment haben. Aber nie gehört haben?

Hier geht’s zur Playlist von Shinda —

Wir unternahmen noch einen Versuch. Ich hatte dem Taxifahrer versucht zu erklären, dass es ein Musiker mit Bart und Turban ist, ein Sikh – sooo viele kann es doch davon nicht geben. Und er hatte eine Idee: In der Nähe des Hotels solle es ein Viertel geben, in dem viele Sikhs leben. Dort gebe es sicher die CD, tröstete er mich. Er stellte den Bus ab, bat mich zu warten und verschwand in einem Gewühl, das wohl ein überdachter Markt war. Es stimmte, hier gab es in der Tat viele Sikhs.

Nach zehn Minuten tauchte er wieder aus der Menge auf, wild gestikulierend, mit einem jungen Mann im Schlepp. Mit Turban, aber ohne Bart. Er schien noch jung. Dieser hielt eine Holzbox in Händen, gefüllt mit CDs. Gut, du willst ihn nicht enttäuschen, sagte ich mir, nicht nach all der Mühen und Kurverei. Du wirst jetzt eine CD kaufen. Scheißegal, wenn sie nicht dabei ist.

Aber Moment mal, hey! Der Verkäufer hatte in der Tat einige CDs von Sukshinder Shinda in der Hand und – wow – auch das gesuchte Album. Vor lauter Aufregung vergaß ich zu handeln. Musste ich aber auch nicht wirklich. Er wollte umgerechnet 3 Euro. Doch wer ist nun dieser Shinda, den in Indien kein Mensch zu kennen scheint? An mehr als 200 Alben hat er, vornehmlich als Produzent mitgewirkt. Aber: Er stammt nicht aus Indien, sondern aus Birmingham, UK. Er nennt sich auch „The Music Man“. Er gewann mit seiner Musik etliche Preise, MTV Awards für das beste Lied, bestes Album. Das war 2006.

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