Und Schluss!

31 Dez

[Heute ist zum letzten Mal die Mainzer Rhein-Zeitung erschienen – die Zeitung, bei der ich Praktikantin, Freie, Volontärin und bis April auch Redakteurin war. Und in dieser letzten Ausgabe, der Silvesterausgabe, ist prompt noch mal ein Text von mir. Silvesterkind halt… 😉 ]

Das grüne Herz von Curaçao

dinah

Dinah Veeris fackelt nicht lange. Die Curaçaoerin bricht einen Zweig von einem Bäumchen ab und kaut so wild darauf herum, dass die bunten Kugeln an ihren Ohren aufgeregt wackeln. „Tsahnbürschte“, nuschelt sie und lächelt. Stoki heißt die Pflanze, die angeblich gut für die Mundhygiene ist und deren Blätter und faserigen Zweige noch von Veeris‘ Mutter zum Zähne putzen verwendet wurden. Heutzutage sind auf der kleinen Karibikinsel industriell hergestellte Zahnbürsten natürlich gängiger.

Die Stoki-Pflanze ist eine von gut 300 Arten, die Veeris in ihrem botanischen Garten am Rande der Hauptstadt Willemstad zieht. „Den Paradera“ ist ein Hort an grünem Wissen, eine Sammlung heimischer Kräuter, Büsche und Bäume und eine Quelle für die Spiritualität der Vorfahren und ihre Kenntnisse über die Heilkräfte der Natur. Aber der Garten ist noch etwas: Business.

Kauend marschiert die 74-Jährige durch ihr Reich, streichelt hier eine Agave und tätschelt dort eine Aloe. Mit wippendem Rock stoppt sie bei einem Kaktus. Der Stamm ist verholzt, die Farbe irgendwo zwischen Braun und Grün, nicht gerade appetitlich. Veeris klemmt ihren Stokizweig hinters Ohr und schnappt sich eine herumliegende Astgabel. Sie streckt sich an den großen Kaktussäulen ganz nach oben und hakt die Gabel an einem stacheligen Kaktusarm ein: „So schlägt man einen Arm ab“, demonstriert sie. „Er wird geschält und aus dem Fruchtfleisch macht man Suppe oder Saft. Kranke bekommen davon ihre Kraft zurück.“

Ein Kraut gegen jedes Zipperlein

Der Kadushi ist ein wahrer Tausendsassa: Die roten Früchte enthalten laut Veeris viel Eisen und Vitamin C, wirken blutreinigend und sind gut gegen die Hautalterung. Und wer sich mit Kadushi-Shampoo die Haare wäscht, der bekommt angeblich weniger schnell graue Haare. Offenbar ist gegen jedes Zipperlein ein Kraut gewachsen…

Vor fünf Jahren hat Veeris ihren Job als Lehrerin aufgegeben, diesen Platz gekauft und die ersten Pflanzen hergebracht. Es war ein Wendepunkt in ihrem Leben – der Höhepunkt einer Entwicklung, die einige Jahre zuvor mit einem Schicksalsschlag begann: Veeris musste sich im Krankenhaus Eierstöcke und Gebärmutter entfernen lassen. Nach der Operation fühlte sie sich schwach, hatte ständig Kopfschmerzen und kam einfach nicht mehr auf die Beine. Erst ein Arzt auf der Nachbarinsel Aruba konnte ihr mit Naturheilverfahren helfen: Veeris änderte ihre Lebensweise, ihre Ernährung und beschäftigte sich erstmals mit pflanzlichen Heilkräften.

Die Weisheit der Alten bewahren

Als sie zurück auf Curaçao war, erkannte sie im Garten ihrer Mutter viele Pflanzen wieder. Sie begann die alte Dame auszufragen über ihr Wissen um die Natur. Veeris knüpfte systematisch Kontakt zu den Alten auf Aruba, Bonaire und Curaçao. Sie sammelte nicht nur ihre grünen Kenntnisse, sondern auch ihre Geschichten über die Lebensweise der Vorfahren. Denn für die 74-Jährige ist beides eng verknüpft: Die Kraft der Natur und die Spiritualität der Ahnen.

„Die Quelle liegt im Wissen der Sklaven und Indianer“, sagt Veeris. Denn Curaçao war ursprünglich von den Paraguiri-Indianern bewohnt, als 1499 die Spanier die kleine Insel nördlich von Venezuela entdeckten. Sie brachten ihre afrikanischen Sklaven zu den naturkundigen Indianern, damit sie ihre menschliche Ware nach der anstrengenden Überfahrt wieder gesund machten. Doch 1634 eroberten die Niederländer Curaçao und es folgte ein ständiger Kampf um die günstig gelegene Insel zwischen ihnen, Engländern und Franzosen.

Eine Insel als Schmelztiegel

Heute gilt Curaçao als unabhängig innerhalb des niederländischen Königreichs, aber die Bevölkerungsstruktur zeigt noch immer die bewegte Vergangenheit: Laut Tourismusverband entstammen die 150.000 Bewohner mehr als 50 Nationen. „Die Holländer haben Sklaven und Indianer zu Katholiken gemacht. Ihre eigene Spiritualität sollten sie vergessen, Naturmedizin war verboten und stigmatisiert“, sagt Veeris. Noch dazu gibt es nur wenige schriftliche Zeugnisse über die Botanik der Insel: Im schwülheißen Klima der Karibik verrottet Papier einfach zu schnell.

Ihr Wissen hat Veeris in zwei Büchern zusammengetragen, denn es soll nicht noch einmal verloren gehen. Sohn Shastri hat in Indien Ayurveda und in Holland Naturmedizin studiert und wird irgendwann das Erbe der Mutter antreten. Außerdem arbeitet sie mit Kindern und zeigt ihnen, wie man Pflanzen zieht und die Schätze der Natur hütet. „Anfangs haben mich die Leute hier als Kräuterhexe ausgelacht, aber plötzlich wurden sie doch neugierig. Mittlerweile kommen sogar Ärzte und informieren sich bei mir“, sagt sie nicht ohne Stolz. „Das Bewusstsein für die Natur nimmt generell wieder zu. Da ist etwas in Bewegung.“

Natur ist Partner der Schulmedizin

Doch trotz aller Begeisterung für Naturheilkräfte sieht sie auch ihre Grenzen – und sich selbst nicht als Ersatz, sondern eher als Partnerin eines Schulmediziners. „Ich behandle zwar Leute mit Kräutern, aber ich rufe durchaus auch mal einen Arzt. Genauso schicken mir Ärzte ihre Patienten. Das ist ein Prozess, eine gegenseitige Unterstützung“, sagt sie und sinniert weiter: „Ich weiß nicht, ob man jede Krankheit mit Pflanzen heilen kann. Falls das so sein sollte, dann fehlt uns das entsprechende Wissen dafür.“

Veeris marschiert weiter durch ihren Garten und weiht die Besucher in ihre grünen Geheimnisse ein. Es raschelt an allen Ecken und Enden: Eidechsen jagen sich die Stämme hoch, ab und an sieht man einen Leguan regungslos beim Sonnenbad. Heiß ist es, schwül und drückend, Moskitos fressen sich satt an jedem Fleckchen nackter Haut, aber Veeris hat den Elan einer jungen Frau. Sie erzählt von der Zeit der Sklaven, von alten Legenden und der Spiritualität früherer Generationen.

Hoffen aufs große Geschäft

Wer sie nach ihren Plänen für die Zukunft fragt, der bekommt eine erfrischend wenig spirituelle Antwort: „Meine Ziele sind kommerzielle. Wir verhandeln gerade mit einem möglichen Partner in den Niederlanden für den Import unserer Produkte. Das könnte ein echter Boom werden. Wir haben so hart gearbeitet und viel investiert, das soll sich jetzt mal lohnen“, spricht‘s und führt die Besucher in einen Shop.

Allerlei Produkte gibt es hier, gegen Gelenkschmerzen, Erkältung und Hautprobleme. Aber auch Pülverchen für die Manneskraft, Glücksöl für die Badewanne und einen feuerroten Liebestee. Ob’s hilft? Wer weiß – aber ein Griff in die Schatzkiste der Natur kann ja zumindest nicht schaden.

Die Reise wurde finanziert vom Curaçao Tourist Board.

Advertisements

3 Antworten to “Und Schluss!”

  1. Lea Mittmann 01/01/2014 um 11:46 pm #

    Na, das war doch ein gutes Geburtstags- und Abschiedsgeschenk 🙂 Ich war ganz gespannt, was du geschrieben hast. Schön!

  2. silvesterkind 01/01/2014 um 11:58 pm #

    Danke! Ja, ich finde auch, das hat als Abschied alles gut gepasst. Haste eigentlich schon wieder Reisepläne?

    • Lea Mittmann 06/01/2014 um 11:18 pm #

      Nö. Ich muss jetzt mal brav mein Volo fertig machen 😉 Ne, im Ernst: Ich fahre ein paar Tage Skifahren, aber so ganz privat. Und bloggen sollte ich auch mal wieder…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Autor, Träumer und Freibeuter

Verfasser von Gegenwartsliteratur, Kurzgeschichten, Gedichten ...

Reiseblog Weltenbummler Mag

Reisen macht glücklich & darüber lesen auch

Abenteuer Mexiko

Ich gehe 9 Monate nach Mexiko. Und das ist mein Blog. So!

Erdmannlibob's Weisheiten

Erlebnisse, Erfahrungen und Erdichtungen

Betrachterauge

Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Urgeschmack

Das Blog von Alexandra Schröder über Reisen und Knaller aller Art

101places.de

Das Blog von Alexandra Schröder über Reisen und Knaller aller Art

Lilies Diary

Der alltägliche Wahnsinn

Anemina Travels

Dein Urlaub kann mehr: Individualreisen und Abenteuer weltweit

Little Miss Itchy Feet

Nachhaltiges, Inspirierendes und Mutmachendes von unterwegs.

Das Abenteuer im Gepäck

Als Backpacker die Welt entdecken

Jo Igele Reiseblog

Das Blog von Alexandra Schröder über Reisen und Knaller aller Art

danares.mag

Kulturblog für Weltliteratur & Straßenpoesie

WIRRE WELT BERLIN

Ihr werdet euch noch wundern

Wäller Weisheiten

Wie Opa die Welt sieht

%d Bloggern gefällt das: