Rumdidum Namibia

16 Jul

Mein Bruder und ich holen das Mietauto ab. Ein Toyota mit Allradantrieb und Dachzelt. Ich sitze als Erste hinterm Steuer – nach 50 Metern haben wir uns verfahren. Als wir im Linksverkehr wieder auf dem rechten Weg sind, bleibt ein Problem: Der Hebel fürs Blinken ist an der falschen Seite. An jeder Kreuzung schalte ich versehentlich die Scheibenwischer ein. Das macht die übrigen Verkehrsteilnehmer derart perplex, dass mir alle die Vorfahrt gewähren. Ich erkenne Verwirrung als Taktik zu unfallfreiem Fahren. Weitere Erkenntnisse aus 13 Tagen und 3307 Kilometer Rundtour durch Namibia:

IMG_5133Tag 1: Windhoek – Rehoboth – Mariental – Stampriet (Kalahari Farmhouse Camp). Wir verbringen die erste Nacht im Dachzelt. Es ist bitterkalt und ich überlege, alles anzuziehen, was ich dabei habe: 12 Unterhosen, 8 Paar Socken, 3 lange Hosen, 3 Pullis… Während ich die Nacht knapp überlebe, schläft mein Bruder bestens.

Erkenntnis bei Kilometer 269: Ich hasse ihn.

IMG_5148Tag 2: Stampriet – Mariental – Hardapdamm – Mariental – Keetmanshoop (Mesosaurus Park). Wir brauchen Vorräte und fahren in Keetmanshoop zu einem Supermarkt. Ein kleiner, schwarzer Mann springt vors Auto und winkt uns völlig unnötig in eine riesige Parklücke. Sofort stürmen von allen Seiten kleine, schwarze Männer aufs Auto zu und klopfen an die Scheiben. Ich überprüfe, ob alle Knöpfchen unten sind, komme mir rassistisch vor und überprüfe nochmals, ob alle Knöpfchen unten sind. Mein Bruder will nicht aus dem Auto raus, aber einer von uns muss und ich bin Fahrer. Ein Glück.

Erkenntnis bei Kilometer 552: Nie das Steuer aus der Hand geben.

IMG_5156Tag 3: Keetmanshoop – Lüderitz (Haus Sandrose). Wie im Mesosaurus Park die ockerfarbenen Köcherbäume in der Sonne leuchten, wie der rote Kalaharisand leise unter den Schuhen knirscht, wie sich die dunklen Doloritsteine auftürmen als wären es Bauklötze eines Riesen – das ist besonders.

Erkenntnis bei Kilometer 1003: Sollte ich jemals einen Science-Fiction-Film drehen, dann zwischen Keetmanshoop und Lüderitz.

IMG_5211Tag 4: Lüderitz – Kolmannskuppe – Diaz Point – Lüderitz (Haus Sandrose). Wir fahren zur Geisterstadt Kolmannskuppe, gegründet in den Tagen des Diamantenbooms. Auf der Straße sind Sandverwehungen, das Auto schlittert. Die Häuser des einst blühenden Städtchens sind längst verfallen, durch jede Ritze dringt der Sand.

Erkenntnis bei Kilometer 1197: Die Wüste holt sich diesen Ort zurück und ich frage mich, was wohl noch alles unter den Dünen begraben liegt.

IMG_5301Tag 5: Lüderitz – Aus – Tirasberge (Farm Koiimasis). Auf dem Campingplatz der Farm Koiimasis beobachten wir Klippschliefer beim Sonnenbad, grillen Oryx-Steaks und staunen über einen unglaublichen Sternenhimmel. Leider trinken wir auch viel Bier, sodass ich nachts Pipi muss. Da der Temperaturabfall in den namibischen Winternächten arktische Ausmaße hat und  in meinem Reiseführer steht, dass es in den Tirasbergen wilde Leoparden gibt, versuche ich zwei Stunden lang, meine Blase zum Einschlafen zu überreden. Vergeblich.

Erkenntnis bei Kilometer 1400: Don’t drink and camp.

IMG_5321Tag 6: Tirasberge – Sesriem (Sossusvlei Desert Camp). Ddie Wweittte und Einssamkeitt und Sttihille ddieses Landessss sind beeindrrruckend. Nach 200 Kikikilometern auff Schotterppistee ffindde ich aberrrr, dasss Wweite unnd Stihille undd Einsammkeitt durch Teerstrrassen nicht verlierrren würdenn.

Erkenntnis bei Kilometer 1603: Der menschliche Körper hat mehr als 200 Knochen – ich kenne jeden einzelnen davon.

IMG_5348Tag 7: Sesriem – Sossusvlei – Sesriem (Oasis Camp). Wir stehen bei Eiseskälte um 5.30 Uhr auf, um zu den größten Dünen der Welt zu fahren. Die Fahrt im offenen Wagen ist eine Qual, ich habe noch nie so gefroren und frage mich, ob die Ansage der Touritante, „Might be chilly“, Namlish ist für „Ihr werdet sterben, Fremdlinge!“

Erkenntnis bei Kilometer 1652: Namibia ist ein harter Knochen.

IMG_5427Tag 8: Sesriem – Remhoogte Pass – Rehoboth – Windhoek (Düsternbrook Farm). Wir übernachten auf Düsternbrook, eine Farm wie aus einem kitschigen Afrikafilm. Aber kaum geht die Sonne unter, wird’s unheimlich. Wir essen im Herrenhaus zu Abend. Eine schwarze Angestellte öffnet uns die Tür zu einem Salon, in dem Kerzen und Kaminfeuer flackern. Über knarzende Dielen gehen wir zum gedeckten Ende einer langen Tafel. Dort sitzen bereits zwei weiße Männer, die uns ernst, stumm und hungrig anblicken. Wenn jetzt Graf Dracula hereinkäme und den beiden eine schlafende Jungfer auf dem Tablett servierte, würde mich das nicht wundern.

Erkenntnis bei Kilometer 2034: Ich muss aufhören mit diesen Vampirromanen.

IMG_5552Tag 9: Windhoek – Okahandja – Otjiwarongo – Outjo – Etosha (Halali Camp). Endlich sind wir da, in einem der berühmtesten Nationalparks der Welt. Wäre es entlang der Salzpfanne nicht so irre heiß und trocken, würde ich mich fühlen wie im Märchen „Die Schneekönigin“: Alles ist karg, dornig und weiß. Doch plötzlich steht am Wegesrand ein blutüberströmtes Zebra, dem offenbar ein Löwe die Flanke aufgerissen hat.

Erkenntnis bei Kilometer 2582: Im Schwarzwald is‘ bestimmt auch schön.

IMG_5584Tag 10: Etosha (Halali Camp). Das war die erste Campingnacht, in der ich nicht gefroren habe. Ich habe sogar blendend geschlafen, heiß geduscht und erfolgreich mein Frühstück gegen vagabundierende Eichhörnchen verteidigt. Wir beschließen, unsere Staublungen und durcheinandergewürfelten Knochen den kompletten Tag am Pool zu entspannen.

Erkenntnis bei Kilometer 2582: Im Schwarzwald is‘ auch ohne mich schön.

IMG_5559Tag 11: Etosha (Halali Camp). Wir packen unser Dachzelt ein und machen Safari. Tiere ohne Ende, die sich an den Wasserlöchern ein Stelldichein geben: Elefanten, Nashörner, Zebras, Löwen, Gnus, Warzenschweine, Giraffen, Kudus, Oryxe, Springböcke, Kuhantilopen, Schakale, etc. Abends gönnen wir uns Dinnerbüffet und sind sehr zufrieden.

Erkenntnis bei Kilometer 2769: Die Elefanten sind die Chefs am Wasserloch.

zebraTag 12: Etosha (Halali Camp). Weil’s so schön war, gönnen wir uns noch einen Rumhängtag, dieses Mal gemeinsam mit unserer Campingnachbarin Heike. Wir essen Eis, gucken Bilder, quatschen, lesen und beschließen, dass wir dringend mal wieder Sport machen müssen.

Erkenntnis bei Kilometer 2769: Aber nicht jetzt.

Tag 13: Etosha – Windhoek. Heimreise.

Erkenntnis bei Kilometer 3307: Alles richtig gemacht.

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2 Antworten to “Rumdidum Namibia”

  1. Eva 18/07/2013 um 5:38 pm #

    Soso, DU hast also in einem Dachzelt genächtigt …

    • silvesterkind 18/07/2013 um 5:43 pm #

      Was gibt’s da komisch nachzufragen, Fräulein? Ich komme vom Land, wenn es sein muss, fange ich ein Gnu mit der linken Hand und mache dir mit der rechten noch ein Lagerfeuer!

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