Himmel und Hölle und ich dazwischen

6 Jul

Tirasberge_Namibia

Nie wieder! Ich schwöre es: Niemals wieder werde ich abends Bier trinken. Am besten nehme ich ab 15 Uhr gar keine Flüssigkeiten mehr zu mir. Es ist kurz nach Mitternacht, stockfinster und ich liege im Dachzelt und muss mal. Wer je im namibischen Winter campen war, der hat ungefähr eine Ahnung, was es für eine Höllenqual ist, sich bei Eiseskälte aus dem Schlafsack zu schälen. Die Temperaturen sind nicht mal das größte Problem. In den Tirasbergen gibt es Skorpione, Schlangen und Leoparden. Ich bin zu jung zum Sterben!

Ich versuche es mit Autosuggestion und imaginiere eine Blumenwiese im Sonnenschein: Ich hüpfe an Gänseblümchen und Pusteblumen vorbei, ich schnuppere an ein paar Margeriten, ich bin entspannt, ich komme an einen plätschernden Bach… – verdammt! Ich reiße den Schlafsack auf, schnappe mir die Taschenlampe und steige die Leiter hinunter. In Israel habe ich mal gelernt, man soll Geräusche machen, dann verschwinden die Schlangen. Also stampfe ich heftig auf, klatsche in die Hände und singe vor mich hin. Neben mir höre ich einen merkwürdigen Laut, garantiert ein Leopard! Hysterisch quiekend stürme ich ins Toilettenhäuschen.

Schnell den Riegel vor – uiuiui, jetzt ist es aber wirklich dringend! Ich hüpfe auf und ab, während ich versuche 28 Lagen Klamotten abzustreifen. Das ist die schlimmste Nacht meines Lebens. Endlich ist es so weit und ich lasse mich aufs Klo fallen, was für eine Erlösung! Da fällt mir ein, dass ich vergessen habe, zu kontrollieren, ob an der Unterseite der Brille Skorpione sitzen. Um Gottes Willen, soll das mein Ende sein? Beim Pipimachen in den Popo gepiekst – das ist so würdelos! Aber ich habe Glück.

Wie der Blitz sause ich zurück zum Auto, fliege das Treppchen hinauf und werfe mich ins Innere des Dachzeltes. Als ich den Reisverschluss zuziehen will, gucke ich noch mal kurz raus – und da trifft es mich: Was für eine Pracht! Ich bin völlig gebannt. Wir sind am Rande der Namib, der ältesten Wüste der Welt, hoch in den Tirasbergen, weit und breit kaum Zivilisation, kein künstliches Licht, keine Luftverschmutzung. Noch nie habe ich auch nur annähernd einen solch berauschenden Nachthimmel gesehen, das müssen Tausende von Sternen sein. Ich setze mich aufs Vordach und lege mir meinen Schlafsack um die Schultern. Mit großen Augen schaue ich nach oben und versinke in dieses Gefunkel, das ohne Gleichen ist. Dieser Anblick ist spektakulär. Tief atme ich die klare afrikanische Winterluft ein, während sich mein Puls senkt und im Takt der Geräusche um mich herum schlägt. Das ist die schönste Nacht meines Lebens – habe ich je anderes behauptet?

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3 Antworten to “Himmel und Hölle und ich dazwischen”

  1. Mah 27/06/2014 um 1:05 pm #

    Lach. und immer ist der Kopf schuld wenn man zuviel denkt 😉

  2. Sarah 28/06/2014 um 4:05 pm #

    Hihi. Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Bei mir war es allerdings in Peru, in den Anden auf dem Inka-Trail. Da gab es immerhin zum Glück keine gefährlichen Tierchen. Das dumme ist nur, wenn man es dann eilig hat, ist man auch ziemlich schnell – Höhenluft sei dank- ausser Atem.

    • silvesterkind 28/06/2014 um 4:58 pm #

      Ooooh, der Nachthimmel in den Anden – ich hatte bislang keinen Zug nach Südamerika, aber den stelle ich mir großartig vor!

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