Wie man in Indien eine Straße überquert – lebend

7 Jan
Bevor man allein über eine Straße geht, sollte man sich als Gruppe versuchen - mit einheimischer Unterstützung.

Bevor man allein über eine indische Straße geht, sollte man sich in einer Gruppe versuchen – mit einheimischer Unterstützung.

Jaipur, Innenstadt, der Tag, der mein letzter sein könnte. Ich werde heute alleine eine indische Straße überqueren. Ich habe mehrere Tage an meinem Karma gearbeitet, habe jedem Bettler etwas gegeben, die Affen im Tempel mit Kichererbsen gefüttert und meiner Oma eine Postkarte geschickt. In einem leuchtend orangefarbenen Shirt stehe ich nun am Straßenrand.

Die Straße ist etwa sechs Meter breit. Auf ihr herrscht das schiere Chaos, ein kreuz und quer verlaufendes Gewimmel aus Menschen, Tieren und Fahrzeugen. Doch mittendrin schläft eine Kuh, sie ist mein Etappenziel. Ich schließe die Augen, lockere meine Beinmuskeln und atme tief ein – und bekomme einen solchen Hustenanfall von all den Abgasen, dass ich mich auf einem Schwein abstütze, das neben mir den Müll auffrisst. Empört grunzend springt es weg, ich höre Bremsen quietschen und sehe eine Lücke im Verkehr – jetzt oder nie!

Ich betrete den Asphalt – und damit eine Welt, in der das Recht des Stärkeren gilt. Ich bin umhüllt von ohrenbetäubendem Hupen, ein Radler schiebt mich schimpfend zur Seite, direkt vor das Vorderrad eines Tuk-Tuks. Schnell husche ich einen Schritt nach vorne und werde fast von einem Taxi überfahren. Der Fahrer schlägt aufs Lenkrad, ich aufs Dach. Ich laufe hinter dem Taxi vorbei und streife den kochendheißen Auspuff. Ich schreie auf, aber schon hält ein Moped voll auf mich zu. Mit einem Hechtsprung rette ich mich zur Kuh.

Ich bin in einer Oase der Friedlichkeit inmitten der Apokalypse. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und nehme einen Schluck aus meiner Wasserflasche. Bislang hatte ich eine eindeutig ablehnende Haltung zu Religion. Aber dass ich diese Straßenquerung in Angriff nehme, muss ich als Bekenntnis meinerseits zur Reinkarnation interpretieren. Ich bin Buddhistin!

Ich werde mutig, gucke einen Rikschamann so bös an, dass er mich vorbeilässt. Ich hüpfe über einen Haufen Müll und lande fast auf der Motorhaube eines verbeulten Renault. Schon rammt mich ein Mann mit seinem Eselkarren, der voll beladen mit Gemüse gegen die Fahrtrichtung unterwegs ist. Ein knallbunter Bus rollt auf mich zu, aus den Türen hängen Fahrgäste und glotzen. Radler halten sich an der Karosserie fest und lassen sich ziehen. Ich drücke meine Tasche an mich und stolpere, geschubst von einem Tuk-Tuk, von der Straße.

Ich habe es geschafft, ich bin auf der anderen Seite! Mein Körper ist von einem Film aus Schweiß und Dreck überzogen, ich rieche schlecht und die feuerrote Brandwunde an meinem Unterschenkel pocht, aber ich lebe! Bei all der Aufregung habe ich nur leider vergessen, was ich auf dieser Straßenseite wollte. Ich gucke mich verwirrt um. Was soll’s. Der Weg ist das Ziel, oder?

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2 Antworten to “Wie man in Indien eine Straße überquert – lebend”

  1. Betrachterauge 11/03/2014 um 12:05 am #

    Was für dich eine Herausforderung war, machen die Inder jeden Tag. Sie haben ein reines Karma und keine Angst. Du dagegen fiel auf: Die rennenden Autos spürten deine Angst, wie es wilde Tiere tun. 🙂

  2. silvesterkind 11/03/2014 um 10:07 am #

    Ja, so muss es gewesen sein. Falls ich noch mal nach Indien reisen sollte, dann werde ich ein Exemplar der Deutschen Straßenverkehrsordnung mitnehmen. Vermutlich kann man die Inder damit zumindest so verwirren, dass man unbeschadet über die Straße kommt.

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